04/17/2014 10:25

Der Berg der Wahrheit oder die Suche nach dem Sinn des Seins

Kategorie: Kultur in der Wahrnehmung

 

Berg der Wahrheit oder die Suche nach dem Sinn des Seins

 

Wer gen Süden reist, die Alpen überquert hat und ins weit offene Tal des Lago Maggiore kommt, ist schon sehr nahe an dem Land, wo die Zitronen blühn, auch wenn das alles aus heutiger Sicht eher unrealistisch, ja fast kitschig klingt. Hat man die dunkle Röhre des Gotthard-Tunnels endlich hinter sich gebracht,wird das Auge durch das strahlende Blau des Himmels und die üppigen Farben der Vegetation reichlich belohnt. Aber wer kriegt das schon mit, auf der Autobahn, die sich hinunter in den Stiefel Italiens windet, eingeklemmt Stoßstange an Stoßstange, immer geradeaus im Dunst des Fortschritts, der aus tausenden von Auspuffrohren diese herrliche Landschaft verdieselt.

Der Lago Maggiore im Tessin ist und war immer ein Sehnsuchtsziel von uns „Nordmenschen“, die mindestens die Hälfte des Jahres Sonne, Licht und Wärme entbehren müssen. Heute ist alles einfacher, man steigt in einen Flieger und landet irgendwo zwischen Dubai, Bangkok und San Francisco, schneller erreicht man Palma de Mallorca oder Antalya. Ob es dort überall schöner, eindrucksvoller oder entspannter zugeht, mag bezweifelt werden, ist aber letztlich gleichgültig, wenn es nur warm genug ist und die Sonne permanent scheint.
Die einzigartige Landschaft des Tessins ist auch heute noch nach vielen Bausünden und Lanschaftsverschandelungen immer einen Abstecher oder mehrere wert, also biegen wir ab und fahren nach Locarno und Ascona am Ufer des Lago und am Fuß der südlichen Alpenkette.

 

In der Wirtschaftswunderwelt der 50er und 60er Jahre war Ascona eines der Zauberworte für die neu entdeckte und endlich einigermaßen finanzierbare Reiselust der kriegsgeschädigten alles vergessen wollenden Bundesdeutschen.
Obwohl Ascona schon vor mehr als hundert Jahren ein Traumziel war. Wer sich näher mit der Geschichte dieser von allen Göttern so verwöhnten Gegend beschäftigt, wird irgendwann auf den Monte Verità und einer von Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung geprägten Bewegung stoßen, die ziemlich genau im Herbst 1900 begann. 

 

Die Brüder Gustav Arthur und Karl Gräser sowie das Ehepaar Ida Hofmann, eine Pianistin, und Henri Oedenkoven, ein belgischer Fabrikantensohn, gründeten eine vegetabile
Cooperation, die wenig später eine lebensreformerische Künsler- und Spiritistenkolonie werden sollte. Oedekoven, der übrigens als Einziger über ausreichend Geld verfügte, kaufte ein sehr großes Grundstücks-areal des damals Monte Monescia genannten Berges oberhalb Asconas, der mit 321 m eigentlich ein Hügel war. Da es natürlich um große Visionen und ehrgeizige Pläne ging, nannte man den Hügel in diesem Sinne bezeichnenderweise Monte Verità. Ida Hofmann schrieb damals schon in einer sprachreformerischen Art: „... dass wir keines wegs behaupten die ‚wahrheit‘ gefunden zu haben, monopolisiren zu wolen, sondern dass wir entgegen dem oft lügnerischen gebaren der geschäftswelt, u. dem her konvenzioneler forurteile der geselschaft, danach streben, in wort u. tat ‚war‘ zu sein, der lüge zur fernichtung, der warheit zum sige zu ferhelfen“

  

Es ist ein Irrtum, dass die Beat- und Hippiebewegung von ca. 1950 an, die Landkommunen und die Nepal, Goa, Gomeramigranten nach 1968 die Keimzellen für das konventionslose, stetige Suchen nach Freiheit für Geist, Leib und Leben gewesen sein sollen, denn was sich zwischen 1900 und 1920 und später bis Anfang der 30er Jahre auf dem Monte Verità abspielte, war eine revolutionäre, bunte, bizarre und experimentelle Reise durch Anarchismus, Pazifismus, Buddhismus, Feminismus, Theosophie, Esoterik, Parapsychologie, Satanismus, Sexalbolschewismus, Freikörperkultur, Spiritualität, Kunst und irrationale Versponnenheit. Ein Gegenentwurf zu Materialismus, Chauvinismus, Kirche und Staat.

Die Schweizer Kultur- und Kunstzeitschrift „DU“ widmet in ihrer 844 Ausgabe dem Phänomen Monte Verità das diesjährige März-heft und stellt die Geschichte, die Strömungen und die Protagonisten vor, die diesen Berg über Ascona  so einzigartig gemacht haben. Da schreibt Mario Botta, der weltweit renommierte Architekt über dort entstandene neue Architekturformen und deren Auswirkungen auf die Baugeschichte und Jakob Flach, ein Insiderkünstler aus dem Tessin, beschreibt das Leben der nach dem „neuen“ Menschen Suchenden in eindrucksvollen Bildern. Dieses Heft bietet nicht nur Erklärungen für spätere kulturgeschichtliche Ereignisse, künstlerische Strömungen und philosophisch geprägte Denkmodelle, sondern führt dem Leser auch vor Augen, was der modernen Welt und Lebensart entgehen kann, wenn sie sich nur im Mainstream bewegt und sich davor scheut, Experimente einzugehen, die zwar scheitern können, aber immer bereichernd und im besten Sinne des Wortes „fortschrittlich“ sein können. Die Vielzahl unterschiedlicher Charaktere und Ideologien oder „ismen“, die unsere Welt bis heute begleiten, werden in dieser DU am Beispiel dieses originären Schauplatzes facettenreich beleuchtet. 

Im Zusammenhang mit den Aktivitäten und Bestrebungen, die von den Bewohnern und Gästen auf dem Monte Verità geprägt wurden, zitiert der Feuilletonchef der NZZ einen Denkanstoß von Albert Camus in folgenden Sätzen: „L`homme révolté“, zu deutsch, „der Mensch in der Revolte“ gibt ein großes und dichtes Panorama menschlicher Leidenschaften vor dem Hintergrund der Auflehnung wider eine Schöpfung, die den Sterblichen seit der Antike als „feindlich-gleichgültiger“ Kosmos entgegensteht. Ohne Revolte und Protest gegen die vorgefundene Welt kein selbsttätig sich entwickelndes Bewusstsein.“  

 

Gustav Arthur Gräser, ein Dichter und Naturprophet mit charismatischer Ausstrahlung und in einem Habitus mit weißen Kasack und Bastsandalen, mit wallenden, langen Haaren und Vollbart war eine einzigartige Erscheinung. Viele, die ihn kennen lernten oder von ihm reden gehört hatten, sahen in ihm den „neuen“ Menschen, die Personifizierung aller Idealvorstellungen von Franziskus bis  Nietzsche. Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann bewunderten ihn als Mythos des freien und unabhängigen Naturmenschen. 

Gräsers Credo: „Der Zweck des Daseins kann unmöglich darin bestehen, dass der Mensch Arbeiten tut, die ihm abträglich ist. Man muss sich lösen von den Zwängen der Arbeitswelt.“

 

Zunächst musste das Gelände urbar gemacht und Unterkünfte gebaut werden, es entstanden die so genannten Licht-Luft-Hütten, ein Sanatorium und für die vegetarische Lebensführung Gemüsegärten. Man pflegte die Freikörperkultur und eine gesunde Lebensführung mit Moorbädern, Lichtduschen, Wasserkuren und Gymnastik oder Ausdruckstanz. In der heimischen Bevölkerung wurden sie abschätzig „Balabiott“ genannt, die Nackttänzer und die Ticini schauten dem Treiben auf dem Berg zu Beginn argwöhnisch zu. Dennoch war das gesellschaftliche Klima im Tessin für Aussteiger aller Art nicht feindlich, sondern eher günstig, denn rund um die Seen hatten sich schon vor Jahren Künstler, Philosophen, Vegetarier und viele politische Flüchtlinge niedergelassen. In den Jahren zwischen 1900 und ca. 1914 war „Gusto“
Gräser die treibende und anziehende Kraft und er verbreitete in allen intellektuellen oder künstlerischen Kreisen Europas eine Sogwirkung, die mehr und mehr Individualisten jeglicher Couleur ins Tessin zog. Die Eheleute Oedenkoven-Hofmann hingegen schufen Ideen und konzeptionelle Ansätze, die der esoterisch geprägten Aura der Lebensgemeinschaft Visionäres verlieh, was sich wiederum überall herumsprach. „Henris vorläufiges Unternehmen“, so Ida Hofmann in ihren Memoiren, „gipfelt in der Gründung einer Naturheilanstalt für solche Menschen, die in Befolgung einfacher und
natürlicher Lebensweise entweder vorübergehend Erholung oder durch dauernden Aufenthalt Genesung finden.“

 

Die Tanzbewegung, initiiert vom ungarischen Körperkulturfanatiker Rudolf von Laban ist aus heutiger Sicht ein zentraler Punkt der Lebensformen auf dem Monte Verita. Er eröffnete 1913 eine „Schule der Kunst“ als Ableger seiner Münchner Aktivitäten. Er nannte diese Darstellungsart auch „Tanzfarm“, wo der Tanz nicht als isoliertes künstlerisches Ereignis, sondern als integrierter Teil des Lebensablaufes begriffen werden sollte. 

Stilbildende und später renommierte Tänzerinnen wie Mary Wigman, Suzanne Perrottet, Katja Wulff, Berthe Trümpy, Isidora Duncan oder Charlotte Bara übten und verfeinerten hier aus heutiger Sicht eine außergewöhnlich experimentelle Art des Ausdrucktanzes. Labans Aktivitäten gipfelten in den Stücken „Istars Höllenfahrt“ und den Reigen „Sang an die Sonne“.

 

Und sie kamen alle, die in irgendeiner Weise neue und unbenutzte Wege gehen wollten und auf der Suche nach einem neuen Menschenbild waren. 

Dr. Raphael Friedberg, ein Arzt aus Berlin, galt als „führende“ revolutionäre Kraft. Fürst
Kropotkin, der anarchistische Theoretiker, weilte ebenso dort wie der ungarische Militärarzt Albert Skarvan, der Staat und Politik überdrüssig geworden war, sogar Lenin und Trotzki sollen kurze Zeit auf dem Berg gewesen sein.

 

Um 1905 folgte der Psychiater Otto Gross, der dann für Ascona eine Universität für die „Emanzipation der Menschheit“ plante. Wie der Zürcher Armenarzt Fritz Brubpacher, der mit sozialen Ambitionen verändernd wirken wollte. Während der „Eranos-Tagungen“ war C. G. Jung anwesend. Hermann Hesse unterzog sich 1907 einer sehr radikal anmutenden Alkoholentziehungskur. Darauf folgten die Dadaisten des Zürcher Cabaret Voltaire mit Hugo Ball, Emy Hennings, Tristan Tzara, Oskar Schlemmer, Hans Richter u.a. Hugo Ball und Emy Hennings blieben Ende der 20er Jahre im Tessin und widmeten sich in der noch „unberührten Natur“ ihren künstlerischen Arbeiten.

Else Lasker-Schüler, Stephan George, Paul Klee, El Lissitzky, Marianne von Werefkin, Alexey Jawlensky, Rudolf Steiner und später Max Piccard, Ernst Toller, Erich Mühsam, Henri van de Velde, Gustav Stresemann und viele mehr, pilgerten auf den Berg, blieben eine zeit lang, hinterließen Spuren und kehrten ihm wieder den Rücken.

 

1926 kaufte der Wuppertaler Industrielle Baron von der Heydt für nur 160.000 Franken den Berg und es begann eine andere Zeitmessung sowie eine Neuordnung der vielseitigen künstlerischen und wissenschaftlichen Ausrichtungen. Alte Dogmen oder ungeschriebene Gesetze wurden weggeräumt und umgekrempelt, dadurch wandelte sich der Monte Verità langsam zu einem geistigen Zentrum, in dem sich die Vertreter des „progressiven europäischen“ Geistesleben trafen.

 

Erich Mühsam beschrieb in seinem Essay  „Ascona. Eine Broschüre“ das Leben der Aussteiger. Folgendes Zitat karikiert zwar, hat aber sicherlich auch einen gewissen Wahrheitsgehalt, zumindest aus Sicht seines sozialistisch geschulten Beobachters  : „Da habe ich auch erzählt, wie nach und nach aus dem Refugium einiger Individual-Ethiker als Dependance ein ethisches Kollektiv-Etablissement hervorwuchs, die Heil- und Erholungsanstalt ‚Monte Verità‘, für die ich, da man dort mit nichts als rohem Obst und ungekochtem Gemüse gefüttert wurde, den Namen ‚Salatorium‘ in Umlauf brachte. Über die Gäste (...) habe ich mich recht mißmutig geäußert; ich nannte sie die ‚ethischen Wegelagerer mit ihren spiritistischen, theosophischen, okkultistischen oder potenziert vegetarischen Sparren‘.“

 

Dem international renommierten Kulturwissenschaftler und Kurator Harald Szeemann war der  Berg ein besonderes Anliegen, wohnte er doch in der Nähe im Centovalli. 1978 schuf er eine außergewöhnliche Ausstellung zu den Aktivitäten und Besonderheiten des Berglebens, die zuerst in Ascona, dann in Zürich, Berlin, Wien und München gezeigt wurde: Die Brüste der Wahrheit. Was für Cezanne die Montagne Sainte-Victoire bedeutete, war für Szeemann der Monte Verità. Sein Interesse galt vor allem den Idealen und den Aufbruchstimmungen, die so viele künstlerische und intellektuelle Menschen in diese Enklave der Freiheit geführt hatten. 

Die Offenheit dieses langjährigen Experimentes hielt er als freischaffender Kurator für das originäre Pendant zu den avantgardistischen und „Love and Peace“ Bewegungen der siebziger Jahre.

Die Sehnsucht nach Aufbruch, das Gespür gesellschaftliche Ungleichheiten und Risse bloßzulegen und die Bereitschaft zur Erprobung von neuen Entwürfen oder Visionen waren und sind dagegen immer schwer einzulösen. 

 

Von der Heydt vermachte den Monte Verita nach seinem Tod 1964 testamentarisch dem Kanton Zürich. Er wollte, dass der Berg weiterhin im europäischen Kulturleben eine Rolle spielen sollte. Mit der Gründung der Fondazione Monte Verità wurde dieses Ansinnen leider nur teilweise erfüllt. Lange Zeit schien es so, als würde das Vermächtnis der Gründer Oedekoven und Hofmann sowie von der Heydt sträflich vernachlässigt untergehen, seit einiger Zeit finden aber wieder regelmäßig workshops und Veranstaltungen statt. 

                                                                                                                  Wolfgang Neisser

 

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Du, die Zeitschrift der Kultur

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