11/30/2015 11:44

Von der maroden Industriestadt zur attraktiven Kulturmetropole

Kategorie: Kultur in der Wahrnehmung

Bilbao - Collposing 2015

 

Dieses Zitat aus Kurt Tucholskys Pirinäenbuch möchte ich  unseren Streifzügen in und um Bilbao voranstellen, vermag es doch meinen Eindrücke dieser unglaublich sich ständig neu erfindenden Stadt und der baskischen Mentalität einen Kern zu verleihen. Tucholsky und auch Brecht haben sich mit dem Baskenland intensiv beschäftig. Zunächst hätte ich allzu gerne eine Textpassage eines baskischen Schriftstellers diesem Newsletter vorangestellt, aber leider habe ich nichts gefunden, was meiner Wahrnehmung über die Stadt Bilbao oder dem Baskenland entsprochen hätte. Im Internet kursieren sehr viele geschichtlich und politisch gefärbte Beschreibungen, die sich vor allem mit dem baskischen Nationalismus oder den extremen Linksbewegungen in den Provinzen Vizkaya (Bizkaia), Guipúzcoa (Gipuzkoa) und Alava (Araba) wie Navarra beschäftigen. Man findet aber auch Reise- oder Feuilletonartikel, die entweder schlampig recherchiert wurden, Unwahrheiten verbreiten oder sich in der Affirmation von Klischees ergötzen, dass ich von vorneherein Abstand davon genommen habe. Auch wenn Gernika und die ETA bei uns als historische und politische Deutungsbeispiele über die Geschichte des Baskenlandes gelten oder wahrgenommen werden, will ich mit Bilbao eine Stadt beschreiben, die sich im Jahre 2015 wie ein Unikat im europäischen Städtevergleich aus urbanistischer und kultureller Sicht darstellt und aus vielerlei Überlegungen beispielgebend für die notwendige Innovation und den Strukturwandel vieler ehemalig industriell geprägter Städte in Mitteleuropa steht.

Bilbao ist nicht nur das Guggenheim Museum mit dem Blümchenhund "Puppy" von Jeff Koons oder der stolze Fußballverein Athletic Bilbao, der noch in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts nur aus baskisch stämmigen Spielern aufgestellt wurde, sondern Bilbao erscheint unter dem blauen Himmel über dem Golf von Biskaya (glücklicherweise, Regentage sind am Meer keine Seltenheit) wie eine bunte spanisch-baskisch-europäisch gefärbte Palette unterschiedlicher Architekturstile der Moderne, der Postmoderne wie historisch geprägter Bauwerke aus Gotik, Renaissance, Barock und Modernismo. Bilbao stellt sich auch als klassisches Abbild der industriellen Revolution des 19. Jahrhundertes bis zum Niedergang der Stahl- und Kohlegiganten in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dar. 

Als ich vor vierzig Jahren im Sommer 1975 aus Portugal zurücktrampte und in Santander strandete und nicht mehr mit meinem Daumen weiterkam, nahm ich einen Überlandbus nach Hendaye/St. Jean de Luz und sah im Vorbei- wie im Hindurchfahren von Bilbao eine graue, giftig dampfende und verschmutzte Anhäufung von Wohnblocks, Schornsteinen und riesigen Industrieanlagen. Dieses Bild hatte sich mir eingeprägt und als ich in diesem September vom Flughafen Bilbo-Loiuko mit einem bequemen Reisebus in die Stadt fuhr, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, weil diese Stadt mir vollkommen unbekannt und entzückend vorkam. 

Ehrlicherweise muss man zugeben, dass dieser Anblick hauptsächlich auf das Zentrum der Stadt zutrifft, weil der große Prozess der Umgestaltung in den Vororten mit den aneinander gereihten Trabantensiedlungen nur partiell fortgeschritten ist, allerdings war es kaum zu erwarten, dass der Umbruch, der 1990 begonnen hatte, schon vollendet sein würde. Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände und der von der ETA ausgelösten Terrorwelle, erscheint es ohnehin wie ein Wunder, was in Bilbao geleistet wurde. 
Der sozialkritische Schriftsteller Carlos Collado Seidel sagt in seinem Buch "Die Basken" "Der ETA-Terror ist bis in die Gegenwart hinein das Krebsgeschwür der baskischen Gesellschaft geblieben". Mit mehr als 800 Terror-Opfern. "Berechnungen des Ökonomen Mikel Buesa zufolge wird der gesamtwirtschaftliche Schaden auf über ein Fünftel der baskischen 
Wirtschaftsleistung geschätzt". Offensichtlich konnte eine Großstadt wie Bilbao diese unselige Vergangenheit gut kompensieren, denn dem Reisenden erscheint die Stadt heute wie eine friedliche Oase. 

Seit die regierende Nationalpartei das Heft in der Hand hält, ist es ruhig geworden, die Bevölkerung lebt nach Meinung baskischer Politikwissenschaftler in einem "unpolitischen Vakuum" und wenn man heute durch Bilbao flaniert, kann man sich die rohe Gewalt der ETA-dominierten Jahre nicht mehr vorstellen. Im Gegenteil, die Bewohner der Stadt lieben Feste und Events und abends in der Altstadt "Casco Viejo" stehen sie in Trauben vor den kleinen 
Pintxobars, palavern und trinken und laben sich an der Vielfalt dieser "Pintxos" genannten baskischen Tapas, die man häppchenweise zum säurehaltigen Weißwein zu sich nimmt. 

Im Zusammenhang mit dem baskischen Nationalstolz oder dem baskischen Nationalismus muss die baskische Sprache erwähnt werden, die immer eine bestimmende Rolle eingenommen hat. Das Baskische ist die einzige nicht indogermanische Sprache auf dem europäischen Kontinent und mit keiner anderen Sprache zwischen Hammerfest und Palermo zu vergleichen. Als die Römer ihre Kolonisierungen vorantrieben, waren sie nicht in der Lage bis in das Bergland im Nordosten der iberischen Halbinsel vorzudringen. Auch später endeten die Feldzüge der Mauren und Westgoten nördlich von 
Madrid. So überlebte dieses einzigartige Idiom aus der 
Keltenzeit bis heute. Allerdings unterdrückte das spanisch-kastilische Königreich die Sprache ebenso wie der Diktator Primo de Rivera von 1923 - 1930. Der selbst ernannte "Caudillo" Franco verbot zwischen 1939 und 1976 das Baskische unter Strafverfolgung verbot. Die Sprache lebte aber weiter und war ein entscheidender Motor für alle späteren Bewegungen, sich von der Herrschaft Madrids zu lösen. In einem Lied heißt es "Gu euskaldunak gara Euskal Herrikoak" (Wir sind die Basken des Baskenlandes), das ist Euskera - eine Sprache, die auch dem sprachgewandtesten Mitteleuropäer große Schwierigkeiten bereitet.
Im Jahre 1979 entstand die Comunidad Autónoma Vasca (CAV, "Baskische Autonome Gemeinschaft"). Die Provinz Navarra allerdings gilt seit 1982 als eigene Comunidad Autónoma. Erst seit 2003 gelang den unterschiedlichen politischen Gruppierungen Schritt für Schritt eine weitgehende Teilautonomie. Eine Koalition baskisch-nationalistischer Parteien hält heute mit 60 % der Stimmen die Regierungsmehrheit. Die baskische Sprache wird in allen Schulen gelehrt und in den einzelnen Verwaltungsinstitutionen sprechen fast alle Beamte oder Angestellte baskisch. Wie hoch die Akzeptanz der Sprache in der Bevölkerung wirklich ist, wird selbst von Statistikern unterschiedlich eingeschätzt - offiziell sollen sich 27 Prozent der im Baskenland lebenden Menschen in den unterschiedlichen Dialekten des Baskischen unterhalten können, dabei beherrscht in den Großstädten wie Bilbao (Bilbo), San Sebastian (Donostia) und Vitoria-Gasteiz überwiegend das Spanische die Kommunikation, während auf dem Land sicherlich viel mehr baskisch gesprochen wird. Von offizieller Regierungsseite wird behauptet, dass immer mehr Menschen, vor allem Jüngere, baskisch sprechen können.

Vielleicht stimmen die Thesen von Richard Florida und anderen Zukunftsforschern wie Soziologen, die behaupten, dass die Belebung von Städten durch Kunst und Kultur zum einem den Wirtschaftsmotor ankurbelt und zum anderen demokratische geprägte Strukturen des friedlichen Miteinanders prägen. 
Stichwort dazu ist der sogenannte "Guggenheim-Effekt" (Zigor Bereziartua - Turismo Bilbao), wie seit der Fertigstellung des Guggenheim-Museums mit seiner außergewöhnlichen Architektur, konzipiert und realisiert vom Weltarchitekten Frank O. Gehry, erfolgreiche und innovative Stadtentwicklungskonzepte genannt werden. Tatsächlich blühte die Stadt nach 1997 auf, was aber eher am Masterplan des 
anderen Weltarchitekten Norman Foster festzumachen ist, der 1990 der Infrastruktur und der Stadtsanierung nach und nach ein maßgeschneidertes Kostüm anpasste. In ein paar Jahren wird durch eine weitere Weltkünstlerin, der irakischen Architektin Zaha Hadid auf der Halbinsel Zorrotzaurre ein völlig neues Arbeits- und Wohnviertel entstehen. Auf dieser Landzunge in der Gabelung des Flusses Nervion o Ria di Bilbao und dem Canale de Deustu Kalea sollen nach ihren Plänen die alten Industrie-anlagen teilweise verschwinden und eine architektonische und infrastrukturelle Zukunftsvision für das 21. Jahrhundert aus dem Boden gestampft werden. Wobei die eindrucksvollsten Industriearchitekturgebäude aus dem 19. und 20. Jhdt. erhalten bleiben sollen. Die Bagger und Planierraupen haben schon mit ihrem Werk begonnen. Weitere Stararchitekten reihen sich in die Gilde der Baumeister ein: Santiago Calatrava mit seiner weißen Betonrippenstilistik im Flughafengebäude und mit der Brücke Zubizuri (Weiße Brücke), Cesar Pelli aus Argentinien mit dem Glasturm des Energieriesen Iberdrola und in absehbarer Zukunft mit Bürotürmen im alten Containerhafen. Der japanische Architekt Arata Isozaki ließ seine Gestaltungsvisionen an den über 80 Meter hohen Zwillingstürme Torres Isozaki und der Corten-Stahloper Euskalduna aus. Die Viertelkreis-Glas-Zugänge zur Metro, die 1995 eröffnet wurden und lediglich aus zwei Linien mit einer Gesamtlänge von 45 Kilometer bestehen, werden Fosterinos genannt, als Hommage für den Meister Norman Foster. 

Auch der weltbekannte Designer Philippe Starck hat sich mit einer ansehnlichen und beeindruckenden Arbeit im Azkuna Zentroa, einem ehemaligen Weindepot verewigt. Dieses große historische Gebäude ist mehr als sehenswert. Auf 43.000 qm beherbergt das Zentrum Azkuna Zentroa Alhóndiga Bilbao Galerien, Kinos, Ausstellungshallen und andere Einrichtungen für das kulturelle Leben der Stadt. Im Innern der alten Außenmauern aus rotem Ziegelsteinen ruht auf 43 individuell gestalteten Säulen der Innenausbau des Gebäudes. 
Betritt man es außerhalb der Boomstunden, taucht man in eine entschleunigte und wohltuende Atmosphäre ein, die in der von unterschiedlichen Leuchtquellen plastizierten Halle eine Stimmung der Andacht und Kontemplation hervorrufen. An der Stimmung merkt man intuitiv, wie sehr dieser Ort den Bilbaionos ans Herz gewachsen ist.
Ein besonderes Heiligtum der Basken ist das Stadion ihres großen Fußballclubs Athletic Bilbao, das nicht irgendwo außerhalb auf der grünen Wiese erbaut worden ist, sondern mitten im Zentrum, da wo ein Stadion meiner Ansicht nach auch hingehört, um auf die vielen neuen Kampfarenen in Deutschland hinzuweisen, die noch nicht einmal mehr einen dem Fußball beinhaltenden Namen tragen. 1913 wurde das alte Stadion "San Mamés", benannt nach der Kirche San Mamés (Hl. Mutter) erbaut. Das neu errichtete "Nuovo", formschön entworfen, aber nirgends ästehtisch aufdringlich. erlebte sein Eröffnungsspiel in der Saison 2013/2014. 
In dem "La Catedral" genannten Fußballtempel heizen die "Los Leones" genannten Fans ihrer Equipe baskisch emotional ein. 

Man sollte früh aufstehen, wenn sich die Dämmerung in den Tag verwandelt und die von Osten herumziehende Sonne das Guggenheim Museum, diese riesige Architekturplastik des Frank O. Gehry in all seiner Plastizität und beeindruckenden Präsenz verwandelt. Die Licht- und Glanzfacetten ändern sich minütlich und weil um diese Tageszeit so wenige Menschen am Ufer des Nervion herumlaufen, hat das Auge einen ungestörten Blick auf diesen gleißenden Felsen aus Titanium und der aufgestülpten Glaskuppel. Mit diesem Bau hat Gehry sicherlich sein bestes Museum gestaltet, alles was danach von Herford bis Paris aus seinem Atelier kam, waren Auto-Plagiate, sich permanent wiederholende Bilbaokonstruktionen des Dekonstruktivisten aus den USA. Aber - und das ist bei jeder Gehry-Architektur ähnlich und differierend zugleich, sind die dem menschlichen Auge in dieser Form niemals zuvor gebotenen Sichtachsen und Perspektivwirbel immer einmalig. 
Die in einem gesonderten Innenraum für dieses Museum aufgebaute rostrote, voluminöse Stahlskulptur von Richard Serra  ist für alle Besucher eine der beeindruckendsten skulpturalen Arbeiten innerhalb der zeitgenössischen Kunst überhaupt. Die sich windenden schiefen Stahlplatten, dieser schwergewichtige Irrgarten der Beklemmungs und Angstphantasien ist nirgendwo befestigt oder verankert, alles ist nur aufgestellt, in sich verdreht aneinander gelehnt. Es erweckt den Anschein, dass dieses Monstrum jeden Augenblick umkippen könnte. 
Das Guggenheim Museum veredelt die Innenstadt von Bilbao, aber nur wenige Meter entfernt finden sich weitere bauliche Schmuckstücke des baskischen Strukturwandels. Wenn der Gehry-Bau der spektakuläre Höhepunkt ästhetischer Bautechnologie ist, so ist das Museo de bellas artes mit seiner hervorragenden Sammlung spanischer Künstler aus allen Stilepochen für den Suchenden nach neuen oder auch alten Aspekten künstlerischer Darstellungskraft eine Fundgrube und das visuelle Geschichtsbuch des Baskenlandes wie auch Gesamtspaniens. 
1914 eröffnet, wurde 1970 ein neuer, moderner Flügel an das alte Gebäude hinzugefügt. Neben den bekannten spanischen Künstlerpersönlichkeiten wie El Greco, Goya, Zurbaran, Murillo, Zuloaga, Sorolla, Dali, Chillida, Saura oder Tapies hängen dort sehenswerte Bilder anderer weltweit bekannter Künstler wie Bacon, Leger, Cezanne, Gauguin, Van Dyck oder Alechinsky.

In Sichtweite des Guggenheim Museums steht das Silken Hotel, ein örtlicher Ableger der renommierten spanischen Übernachtungskette. Von der Terrasse hat man einen offenen Blick auf das Museum und den Wandel des Lichtspiels auf dessen Fassade in den unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten. Im Atrium hängt das sogenannte Zypressen-Fossil, eine Skulptur von Mariscal. In einem Netz sammeln sich tausende von beschrifteten Steinen und das Stalaktiten artige Kunstwerk  reicht bis zum Dachfenster der Terrasse. Die 26 Meter hohe Skulptur gibt dem Licht durchfluteten Schacht des Innenhofes die Assoziation einer riesigen, ovalen Felsspalte. 
Unmittelbar am Ufer des Nervion liegt auch das 1999 eingeweihte Kongresszentrum Euskalduna, das von den spanischen Architekten Federico Soriano and Dolores Palacios entworfen wurde und inzwischen mehrfach preisgekrönt ist. Der aus Cortén-Stahl erbaute, rostpatinierte Kubus verfügt über einen großen Saal mit 2300 Sitzplätzen und weiteren Räumlichkeiten für Event- und Musikveranstaltungen. Auf dem Gelände der ehemaligen Euskalduna Werft errichtet, wirkt das klotzige Bauwerk als ästhetischer Gegenentwurf zum eleganten Guggenheim-Museum. Von außen wirkt es wie ein Trockendock und von innen erinnert es an einen Schiffsbug.
Quasi im Keller des "Euskalduna" und der umgebenden Uferbefestigungen der Brücke Euskalduna Zubia findet man das Museo "Marítimo Ría de Bilbao". Auf zwei Etagen durchstreift man dort die Vergangenheit des Hafens von "Bilbaoerk Aert". Über hundert naturgetreu nachgebildete Modellschiffe aus allen Epochen der Seefahrt bringen den Wind im Bewusstsein  jedes Nautikers zum Jammern. Den Präsentationsfilm für die Expo in Shanghai, der den Strukturwandel Bilbaos beeindruckend nacherzählt, sollte man sich unbedingt ansehen. 

Wenn man den Uferhügel hinaufsteigt, erreicht man das Krankenhaus von Basurto oder das "Basurtuko Ospitalea". Verblüffend ist wiederum der Eintritt in eine weitere Stilepoche, die man so nicht erwartet hätte. Alles erinnert an eine spezifische Form englischer Architektur aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts: Rote Klinkerbauten im Pavillonstil mit stumpfwinkligen Dächern, gedeckt mit einer ornamentalen, mehrfarbigen Ziegelstruktur, die wie ein Mosaik wirken. Der Gebäudekomplex ist den deutschen Krankenhäusern aus dieser Epoche wie das Krankenhaus in Hamburg-Eppendorf (tatsächliches Vorbild für den Entwurf der Architekten) oder das Klinikum Berlin-Neukölln nachempfunden worden. Auch kommt es dem Bau der Psychiatrie und des Museums Dr. Guislan in Gent sehr nahe, welches ich bei unseren Genttouren besichtigt habe. Als wichtige Hafenstadt für den Handel mit den britischen Inseln, entstand eine Affinität zur britischen Stilästhetik. In der Bevölkerung hieß das Ospedale das "heilige Krankenhaus" und wurde von den Spenden sehr begüterter Familien der Stadt ermöglicht, was aber keineswegs auf allein caritativer Einstellung fußte, sondern mit der Gegenleistung verbunden war, freie Betten auf Ewigkeit und für alle Generationen zu erhalten.
Es ist wichtig, das Gelände durch den Haupteingang zu betreten, um die Baustruktur des Ensembles mitsamt den sehr schönen Gartenanlagen bewundern  zu können. 1908 eröffnete das Ospedale mit 600 Betten und ist nach einer grundlegenden Renovierung während der Nuller Jahre unseres Jahrhunderts immer noch eines der wichtigsten Krankenanstalten in der Provinz Bizcaya. Unweit des Ospedale liegt der Bahnhof Basurto, wo man die Züge Richtung Santander, Leon und die Küstenorte der Biscaya wie Asturiens erreichen kann.
Zurück in die Innenstadt. Vorbei am Park Sabino Arena, der großen Jesusstatue auf der "Plaza Sagrado de Corazon Jesu", dem Kongresszentrum Euskalduno, erreicht man den "Parque de Doña Casilda de Iturriza", einer grünen Insel zwischen den Hochhäusern, reich verzierten Palais, Bürgerhäusern und neu errichteter zeitgenössischer Bauwerke, die im Zuge der Stadtsanierung entstanden sind. Der Garten, wahrlich eine grüne Lunge mitten in der Stadt, wurde 1907 im Stil 
englischer Gartenarchitektur angelegt. Zentral gelegen, kreuzförmig angelegt mit einer von kleinen Mauern eingefassten Springbrunnenanlage, umarmt von einem  halbkreisförmigen Pavillon als Steinpergola mit einem Wandelgang, erinnert er an eine traditionelle Orangerie der großen europäischen Schlossanlagen, aber im Miniaturformat. Dieser Park im Schatten der Hochhäuser am Ria de Nervion lässt das geschäftige Himmelsstürmen der Businessstadt erholsam auf ein natürliches Maß zusammenschrumpfen.

Von hier aus erreicht man leicht zu Fuß das Zentrum der "Neustadt" Bilbaos, die "Plaza Don Federico Moyua", einem groß angelegten Rondell, von dem sternförmig acht Straßen ausgehen. Wer das Shoppen als wichtigen privaten Teil einer jeden Städtereise betrachtet und landes- oder regionaltypische Waren kaufen möchte, kommt rings um diesen Platz in jedem Fall auf seine Kosten. Wer von hier aus zu den Kultur, Event und Sportstätten gehen will, braucht keine 20 Minuten um überall hinzukommen, ob es das Kulturzentrum Alhondiga oder das Guggenheim ist, ob man die Plaza de Toros mit der Stierkampfarena besichtigen oder im Stadio Mamés den Athletickickern zuschauen will, von hier aus ist die Stadt Bilbao strategisch am besten zu bewältigen. Auch die Wege in die Altstadt "Casco Viejo" kann man von hier aus sogar mit der "grünen" Straßenbahnlinie erreichen. Wenn die "Plaza Mouya" das neue Herz, der im Cañon des Nervion eingeklemmten und mäandernden Großstadt Bilbao ist, dann ist die Altstadt das Alte. Die Basken nennen ihre größte Stadt auch sehr zutreffend "Botxo", das Loch. Über den Boulevard "On Diego Lopez-Haroko Kale Nagusia", der durch die gesamte Stadt von West nach Ost verläuft, erreicht man den kleineren Plaza Biribila, von hier gelangt man entweder über die "Buenos Aries Kalea zum alten und neuen Rathaus im Norden der Altstadt oder man geht über die Straße "Aeazako Ubia" direkt auf die Casco Viejo zu, über die Brücke des Ria del Nervion o Bilbao. Am anderen Ufer angekommen liegt zur linken eine breite Uferpromenade mit zwei überdachten, langgestreckten Markthallen, in denen sonntags Blumen verkauft werden und dem kleinen Park mit dem Pavillon "Mister Shuttle Translados Aeropuerto". Auf der rechten Seite steht das alte "Teatro Arriaga", die Spielstätte für Schauspiel, Ballett und Oper. Überquert man dann den dicht befahrenen Boulevard "Areatza Kalea", taucht man sofort in die schmalen Gassen mit den hohen Häuserfronten der Altstadt ein. Hier findet der "historisch" Suchende die ehrwürdige Bibliothek "Biblioteca Central de Bidebarrieta", die "St. James' Cathedral" auf der Plaza de Santiago, am "Platz Unamuno", benannt nach dem großen Dichterphilosophen Miguel de Unamuno, das baskische Nationalmuseum "Euskal Museoa" oder "Bilbao Museo Vasko" wie auch das archäologische Museum "Arkeologi Museoa". Von hier aus erreicht man unterirdisch nicht nur die Metro-Station "Casco Viejo" sondern auch den Aufzug zum Campo de Futbol de Mallona oder dem größten Park der Stadt "Parque Etxebarria". Hoch über der Stadt wurde hier nicht nur ein Fußballplatz angelegt, sondern der weitläufige Park umfasst ebenso andere Sportstätten wie beispielsweise eine groß angelegte Skaterbahn. Mittendrin steht der Schornstein der alten Gießerei wie ein Mahnmal der Zeit, als Bilbao der "eiserne und dampfende" Schwerpunkt der baskischen Industrie war. Zudem war dieses Gelände einst einer der wichtigen Industriestandorte, bis er inach den 70er Jahren "platt" gemacht wurde. Der Blick geht weit über die Altstadt wie auf den angrenzenden Bezirk Uribarriko. Gut trainierten Besuchern sei die Treppe empfohlen, die neben dem archäologischen Museum aufwärts führt und viele schöne Einblicke in die längst vergangenen Zeiten des alten Bilbaos sichtbar macht. Wer noch weiter den Berg ersteigen möchte, um die sehr schöne Kirche "Begoñako Basilika" aus dem 16-17 Jahrhundert zu sehen, wird mit einem einzigartig Barockaltar, einer Holz vertäfelten Sakristei und großen Gemälden spanischer Meister belohnt. Hinter der Basilika werden auf einem großen, von Bäumen umstandenen Platz mit einem gepflasterten Rondell zu bestimmten Jahreszeiten oder besonderen kirchlichen Anlässen traditionelle Volksfeste gefeiert.
Zurück bieten sich viele Wege an: zu Fuß oder aber wieder über den Elevator (Aufzug) am Platz Gerokon. Unten angekommen führen elektrische Laufbänder zurück zur Plaza Unamuno. Unmittelbar gegenüber des Platzes gelangt man durch einen schmalen Hausdurchgang auf die Plaza Nueva, einer quadratischen Freifläche mit einem Mosaikboden, der von den angrenzenden Häusern eingeschlossen ist. Ein Wandelgang führt um den Platz herum und wer in eine typische Pintxobar den "kleinen Hunger" stillen will, ist hier genau richtig. Das duftende und für den Gourmet allzu verlockende "Schinkengeschäft" verführt, einen der großen Serranos, Pata negra oder baskischen Schinken mitzunehmen, allerdings muss der Flugreisende dann mit deftigen Gepäckzuzahlungen rechnen. Es lohnt sich aber, sich ein "Schinkenensemble" zusammenstellen zu lassem

Die Altstadt im einzelnen zu beschreiben, wäre für alle, die wirklich eine Stadt entdecken wollen, ein Bärendienst; man muss die Gassen durchstreifen, die Restaurants oder Bars einfach ausprobieren, die Boutiquen und Geschäfte von innen examinieren und sich viel Zeit lassen. Dann wird eine Tour per pedes durch dieses schöne Viertel wirklich zu einem Erlebnis. Die Siete Calles (Sieben Straßen ), aus denen die historische Altstadt besteht, sind: Somera, Artekale, Tendería, Belostikale, Carnicería Vieja, Barrenkale und Barrenkale Barrena. 
Südlich der Altstadt, unmittelbar am Nervion, steht die alte, neu restaurierte große Markthalle, die zwischen zehn und vierzehn Uhr nicht nur manches Mittagessen ersparen hilft, sondern auch für uns das Ereignis Markthalle wieder mit Sinn füllt, der bei uns schon lange verloren ist, auch wenn mancherorts versucht wird, alten Markthallen wieder Leben einzuhauchen. Besonders die bleiverglasten Fensterfronten aus der Stilepoche des Mondernismo oder Art Deco erzeugt ein sehr lebendiges Farbenspiel im unterschiedlichen Licht der durchscheinenden Sonne. Ebenso sind die gläsernen Deckenmosaike ein ästhetisches Vergnügen. Auf der anderen Uferseite des Nervion, die sehr steil nach oben geneigt ist, liegt auf dieser Anhöhe zum einem der "Palacio de Deportes Bilbao Arena", ein neu errichteter Multifunktionssportpalast. In der Nähe des "Parque Miribella" sieht man die schwarze Fassade des Fronton-Pelota-Kubus (Fronton = Pelota-Spielfeld) und der "Federacion Territorial Bizkaina de Patinaje". Pelota ist der traditionelle Nationalsport der Basken. Zwei Spieler oder Spielerteams schleudern ähnlich dem Squash einen Ball mit einem geflochtenen Handschuhkorb gegen eine Wand. Wer diesen Sport noch nie gesehen hat, wird von dem artistischen Geschwindigkeits-Schlagball begeistert sein.

Zum Schluss meiner Streifzüge durch die Innen- und Altstadt von Bilbao habe ich mir die Fahrt mit dem Funicular, einer Zahnradbahn auf den Parque de Miramar, auf dem eine Säule und die Fingerprint Skulptur steht, aufgehoben. Von hier aus hat man den absoluten Blick in alle Himmelsrichtungen über die gesamte Stadtfläche Bilbaos. Es ist zu empfehlen, an Sonn- und Feiertagen entweder morgens diese Kabinenbahn zu nehmen oder innerhalb der Woche hochzufahren. Bei schönen Wetter kann es möglich sein, lange Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Oben angekommen ist das aber schnell vergessen, denn eine Großstadt in dieser Art und aus so geringer Entfernung und doch genügender Höhe, also in ihrer Gesamtheit, zu sehen, ist sehr selten. Über die Stadt sieht man auch weit in die Berglandschaft der westlichen Biscaya und nach Norden bis zum Meer. In meiner Stadterkundung fehlt der Hauptbahnhof "Abando Indalecio Prieto" benannt nach dem letzten Verteidigungsminister der spanischen Republik 1939 Indalecio Prieto (*Oviedo-Asturien), der vor allem mit seiner bleiverglasten Front zum Nervion hin schon ein künstlerisch beeindruckender Anblick ist. Der Kopfbahnhof ist noch nicht an die Hochgeschwindigkeitsstrecken Spaniens angeschlossen. Wenn man die Bahnhofsinnenhalle betritt und die Sonne scheint, erstrahlt das gesamte Gebäude in den unterschiedlichen Farben der beiden großen bleiverglasten Fronten mit ihrer narrativen Bildgestaltung. 1902 wurde der Bahnhof fertiggestellt und so korrespondiert sein Baustil mit vielen anderen Gebäuden der Stadt, die den Reichtum der damals boomenden Industriemetropole im Stil ihrer Zeit eindrücklich verdeutlichen. Neben dem großen Gebäude gibt es noch eine Schmalspurbahn, die von der Gesellschaft FEVE betrieben wird und die mit ihren Bahnen noch einige Ziele im Baskenland anfährt. Im übrigen 
kursieren etliche Namen für den Bahnhof Abando: Concordia oder Santander sind die häufigsten Bezeichnungen - unterhalb der großen verglasten Frontfassade steht aber der Name des Politikers 
Prieto, der zumindest für eine der wichtigsten Epochen der spanischen Demokratie steht.
 
Barakaldo, Portulagete und Getxo
Bilbao ist zwar eine bedeutende Hafenstadt, liegt aber nicht unmittelbar am Meer. Der Ria del Nervion o Bilbao verbindet die Stadt mit dem Außenhafen Santurtzi. An den Hängen des Ufers schlängeln sich Autobahnen durch die Wälder, die entlang der des Nervion entweder nach Santander, Gijon, und Vigo oder Donostia (San Sebastian), Hendaye, Biarritz und Bordeaux führen.
Mit einem Boot kann man aber unmittelbar aus dem Stadtzentrum bis an die Küste fahren, ebenso mit den beiden Metrolinien, die zum einem in Santurtzi westlich oder hinter Getxo östlich der Flussmündung enden.
Links des Nervion liegt außerdem parallel zu den Flusswindungen eine Vorortbahn bis zum Hafenbecken von Santurtzi, wo die Fähren aus Porthmouth anlegen. In vierundzwanzig Stunden auf einer normalen Fähre oder in zwei Tagen mit einem Kreuzfahrtschiff kommen viele Besucher aus Großbritannien nach Bilbao. Allerdings ist das Hafenterminal heute an die neue Metrolinie angeschlossen, die die ca. zehn km lange Strecke in gut 30-45 Minuten bewältigen kann. 
Der Öffentliche Nahverkehr in Bilbao erfasst alle Bereiche in und um die Stadt und kann mit der 
immer wieder aufladbaren Chipkarte BARIK für relativ günstige Tarife befahren werden. Mit zwanzig Euro habe ich innerhalb einer Woche mit sehr vielen Busse, allen Metros, dem Funicular, der innerstädtischen "grünen" Tram und den Aufzug zum Etxebarria-Park  fahren können.
Wer es noch kostengünstiger und einfacher haben will kann sich die Bilbao Bizkaia Card kaufen, die es für 24, 48 und 72 Stunden gibt und für letzteren Zeitraum nur 40,00 Euro kostet. Nur, weil damit freie Eintritte in Museen und andere Öffentliche Einrichtungen verbunden sind.  
Ein Muss, zumindest ein "Sollte" ist die Brücke "Puente de Vizcaya", auch "Puente Colgante" genannt, die aber den Fluss erst kurz vor der Mündung in Portulagete überquert. Sie ist eine der seltenen Hochbrücken oder Hängebrücken mit einer Schwebefähre und die Älteste dieser Art. In Marseille im alten Hafen gab es ebenso eine, die aber während der Nazibesetzung zerstört wurde - dort wo heute die neuen Museen stehen. Die Stahlkonstruktion erinnert an Bauwerke von Gustave Eiffel und tatsächlich wurde diese 1893 eingeweihte Brücke von einem Schüler des großen Meisters konstruiert. Obwohl die Brücke von den Franquisten 1937 zerstört wurde, bauten diese sie 1941 wieder auf. Die UNESCO verlieh ihr 2006 das Gütesiegel "Weltkulturerbe". Auf die "Schwebefähre" passen zwei PkW´s und viele Fahrradfahrer sowie ca. 100 Passagiere. Von Portulagete fuhren wir nach Getxo, dem Ort, wohin die Bilboinos an ihren Strand fahren. Im Gegensatz zu der eher von Arbeitern bewohnten Stadt Portulagete, welche zwischen Barakaldo und Santurtzi liegt, hat sich Getxo als bürgerlicher Wohn- und Badeort etabliert. Vor dort aus fährt man mit der zweiten Metrolinie zurück ins Herz der alten von der Schwerindustrie geprägten Großstadt, die sich seit fünfundzwanzig Jahren sukzessive und mit großer Dynamik als innovative Zukunftsmetropole neu erfindet.
Für die Rückfahrt von Portulagete oder von Santurtzi zum Hauptbahnhof Bilbaos sollte man die Vorortbahn nehmen, denn aus dem Zugfenster schauend,  fährt man kilometerlang an heruntergekommenen Fabriken, Industriebrachen, Schrottplätzen und dem einzigen noch erhaltenen Hochofen "Altos Hornos" vorbei. Die inzwischen rostige Indutrieskulptur, verdeutlicht noch einmal, auf welche Geschichte die alte, neu geborene Industriegroßstadt Bilbao zurückblicken kann. Für mich sind die aus ihrer Funktion entlassenen Industriebauwerke die schönsten und ehrlichsten Denkmale, die eine verflossene, aber nicht vergessene Zeit versinnbildlichen.
                         

Wolfgang Neisser, im Oktober 2015

 

 

 

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