01/16/2015 20:24

Sanfte Hügel, elegante Seebäder, mittelalterliche Pracht

Wir sind in der die Augen schmeichelnden Landschaft der Normandie, die in diesem Jahr, 70 Jahre nach der alliierten Invasion, dem D-Day, in aller Munde ist und offensichtlich für deutsche Touristen oder Europaerkunder immer noch eine Unbekannte zu sein scheint. Dabei bieten die beiden Großdepartements Haute- und Basse-Normandie alles, was sich Reisende mit großem Erlebnis- oder Erkundungspotential wünschen: eine von Hecken, kleinen Wäldern, Wiesen und Feldern reich beschenkte, blühende und fruchtbare Landschaft, alte, ehrwürdige Städte mit glanzvoller Vergangenheit und überwältigende Zeugen romanischer, mittelalterlicher, renaissancistischer oder barocker Baukunst. Kathedralen, Abteien, zauberhafte Schlösser und Herrenhäuser, elegante Seebäder mit kunstvoll gestalteten architektonisch einzigartigen Seepromenaden laden uns ein. Ebenso eine gastronomische Vielfalt, die nur dann entstehen kann, wenn Meer, Erde und Himmel eine Einheit bilden.
Zwischen dem Fischereihafen von Treport und der im Meer emporragenden Abteikirche Mont. St. Michel, zwischen den „Regenschirmen“ (Filmzitat) von Cherbourg und dem malerischen Monet-Domizil bei Giverny erstreckt sich dieser Teil Frankreichs entlang der Kanalküste und südlich bis vor die Tore von Paris, Angers und Le Mans. Und Claude Monet, dessen Bilder alle Welt bestaunt, sagte einmal: „Jeden Tag entdecke ich noch schönere Dinge, es ist zum Verrücktwerden“.

 

Calvados ist der wohl bekannteste Landesteil der Normandie, denn neben dem gleichnamigen Getränk, welches der Genießer als Digestif oder auch „en passent“ aus „Plaisir“ zu schätzen weiß, werden zahlreiche schmackhafte und würzige Käsesorten geschöpft, am bekanntesten sind natürlich der Camembert, der Pont l´Eveque und der Livarot. 

Der Landstrich Calvados wurde nach einer Galleone der spanischen Armada namens Salvador benannt. Auf der Flucht vor der englischen Flotte unter Sir Francis Drake soll diese Galleone an der normannischen Küste Schiffbruch erlitten haben. Besonders das Pays d´Auge, das Land der tausend Äpfelbäume, aus deren Früchten der Cidre gepresst wird. Brut oder doux, ist der Cidre immer ein wohlschmeckendes und Durst löschendes Getränk mit geringem Alkoholgehalt. Aber das ist längst nicht alles, denn das fischreiche Meer und die mit Hecken und Wäldern bestandene Parklandschaft beherbergen all die Tiere, die im Topf zu selig machenden Gaumenfreuden werden. Nicht zu vergessen Schafe, Schweine, Rinder, Wild und Geflügel, die in jeder Hinsicht und in jeder Performance eine Augenweide darstellen.

Wie und warum die Normandie zu ihrem Namen kam, werde ich vorab eine kurze geschichtliche Einführung geben, weil es dezidierte Geschichtskenntnisse voraussetzt. Die Normandie gehörte nicht immer zu Frankreich. Im Mittelalter galt das Gebiet als Heimatland  der Normannen, die allerdings als eine Völkermischung aus einheimischen „französischen oder keltischen“ Menschen und eingewanderten Wikingern entstanden ist. Die Mehrzahl dieser Wikinger stammten aus Dänemark. Wahrscheinlich, so wird vermutet, waren die Frauen in dem Land geboren worden. Rollo, der Wikinger, der in das Gebiet eingefallen war, gilt als Urvater der Normannen, wie wir ihnen heute begegnen, sofern ihre Abstammung bis ins Mittelalter oder  früher zurückreicht. Erst im 16. Jahrhundert wurde die Normandie dem französischen Königreich eingegliedert. 

 

Wir sind für eine Woche in die Normandie eingetaucht und können nach dieser sehr erfüllten Zeit mit Freude sagen, dass sich diese Reise in allen Belangen gelohnt hat. Natürlich kann man in sieben Tagen nur eine begrenzte Auswahl der vielen Sehenswürdigkeiten und Kulturorte anpeilen, aufsuchen und in sich aufnehmen, aber das, was wir gesehen und wahrgenommen haben, war so bereichernd, dass wir Sie in diesem newsletter darüber umfassend informieren möchten. 

 

Vom Rheinland gelangt der Normandiebesucher am schnellsten per PKW immer auf der Autobahn fahrend über Aachen, Lüttich, Mons, Valenciennes, Amiens in das französische Normannenland, nachdem er die Piccardie hinter sich gelassen hat. Mit dem Zug führen alle Gleise wie in Frankreich üblich über die zentralistische Metropole Paris und mit dem Flugzeug kann man in Rouen, Le Havre oder Caen landen. Natürlich auch in Orly, Le Bourget oder Charles de Gaulle. 

Wer sich das Land genauer anschauen und die unterschiedlichen geografischen Besonderheiten erleben will, sollte bei Treport die Küste auf der drittrangigen Landstraße entlang fahren und in den kleinen, pittoresken Seebädern oder Häfen Dieppe, St. Valery en Caux, Veules les Roses, Fecamp, Ètretat oder Yport eine Promenade am Meer unternehmen. Wer es adeliger mag, wird in den Schlössern Miromesnil,  Bailleul, Cany Barville, Eu oder  Fréfossé all das finden, was Vicomtes, Baronesses, Ducs oder Rois und Reines substanziell für ihr Leben brauchten und staunen, mit wie wenig der moderne Mensch heute auskommen kann und zufrieden ist. In Fecamp sollte man unbedingt die Schloss-Destillerie des berühmten Likörs Benedictine aufsuchen, um eine Ahnung davon zu bekommen, mit welchen Ingredienzien Hochprozentiges in feinste Geschmacksnuancen veredelt werden kann.Ètretat, der Name ist ein beispielhafter Begriff für die Landschaftsmalerei vom Mittelalter bis hin zum Impressionismus, die Felsöffnung oder die Felsbögen Porte d‘Amont, Porte d‘Aval und die Felsnadel Aiguille sind und waren beliebte Motive vieler Künstler. Bekannt sind die Bilder von Felix Valloton, Claude Monet und Gustave Courbet und vielen anderen, die den Pinsel führten oder diese Übung zumindest versucht haben. 

 

Der Küstenstreifen zieht sich in einem Halbkreis nach Süden und nach wenigen Kilometern öffnet sich die weite Seinemündung dem Blick. Dort liegt Le Havre, Frankreichs zweit wichtigster Handelshafen und eine
lebendige Großstadt mit Indsutrieanlagen und riesigen Rohstoffversorgungsdepots, die das französische Hinterland und vor allem Paris mit allem beglücken, was jenseits der Grenzen des Landes hergestellt und exportiert wird. 

Le Havre wurde im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört und von Auguste Perret mit einem Team von 60 Architekten von 1945 bis 1954 wiederaufgebaut. So entstand ein modern  ausgerichteter und zukunftsweisender Stadtkern. Le Havre wurde als einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen (Juli 2005). Oscar Niemeyer, der Erbauer und Visionär der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, errichtete ein Kulturzentrum, das Maison de la Culture du Havre, das wegen seiner Form eines abgeschnittenen Vulkankegels auch „le volcan“ genannt wird. Mit dem Musee André Malraux verfügt die Stadt über eine Sammlung vieler erstklassiger Meisterwerke aus allen Perioden der Kunst- und Kulturgeschichte. 

Über die Mündungsbucht der Seine baute der französische Staat (1988 bis 1994) die wichtige Straßenverbindung in Richtung Westen, nach Caen und in die Bretagne, den Pont de Normandie, eine 2145 m lange Schrägseilbrücke, das vom Hafen Le Havres mit dem Städtchen Honfleur am linken Südufer der Seine verbunden ist. Die Überfahrt ist ein besonderes Erlebnis, wenn man nicht gerade im Stau steht.

In Honfleur gelangt man ins Calvados, eines der geschichtsträchtigsten Landschaften Frankreichs, ein Blut durchtränkter Boden, der am 6. Juni 1944 mit dem Debarquement der  Alliierten seinen endgültigen Schreckenshöhepunkt erreichte. Das von Nazi-Deutschland besetzte Land wurde in einer erbitterten und auf beiden Seiten verlustreichen Schlacht befreit und die Landungszonen Omaha-Beach, Utah-Beach, Sword oder Juno sind Synonyme für den Anfang vom Ende des zweiten Weltkrieges.156.000 Soldaten landeten mit einer Flotte von speziell konstruierten Booten an den Küstenstreifen und im Verlauf der Operation Overlord betraten mehr als 1,5 Millionen alliierte Soldaten den Kontinent. Am Ende des längsten Tages hatten mehr als 14.000 Menschen auf beiden Seiten ihr Leben gelassen. Im Verlauf der weiteren Kämpfe und beim Vorstoß der Befreiungstruppen starben ca. 270.000 deutsche Landser und ca. 60.000 Amerikaner, Briten, Franzosen, Kanadier, Australier, Neuseeländer, Polen und viele andere Nationalitäten. Die Opfer unter der Zivilbevölkerung waren immens und die Verwüstung der Landschaft unbeschreiblich. Die Schlacht in der Normandie war der Wendepunkt des Krieges im Westen wie Stalingrad als Wende im Osten einzuordnen ist. 

 

Die Erinnerungsveranstaltungen und Gedächtnisfeiern in diesem Jahr zeigen aber nach sieben Jahrzehnten, dass Versöhnung und der Wille zur friedlichen Koexistenz den europäischen Kontinent inzwischen geprägt haben.  

Was in der Normandie während der nationalsozialistischen Besatzungszeit geschah, belastete bis weit in die 80er und 90er Jahre das Verhältnis zwischen der normannischen Bevölkerung und allen Menschen, deren Herkunftsland Deutschland war und die nach Frankreich reisten. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Seebäder an der Côte Fleurie oder der Côte Alabatre wie auch das Hinterland von vielen deutschen Touristen lange Jahre gemieden wurden. Es waren ja nicht nur die schweren Kämpfe von 1944, es war die gesamte Zeit der Repression zwischen der Invasion 1940 und dem Sommer 1944 die vor allem durch entsetzliche Verbrechen und Verfolgungen seitens SS und Gestapo verübt worden waren. 

Aber neben den Heldentaten der Résistance und passivem Widerstand gab es auch Kolaboration, was in Frankreich immer noch ein dunkles Kapitel ist, es gab aber auch Freundschaften, die den Krieg überdauerten.

 

Frankreich gilt weltweit als beliebtestes Ferienziel, innerhalb der EU besuchen deutsche Staatsbürger mit fast 15% neben den Briten das Land am häufigsten. Allerdings gibt es statistische Unterschiede, der Mittelmeerraum, der Atlantik und die Alpen werden bevorzugt, in der Normandie rangieren deutsche Touristen weit hinter den Briten und wenig unterhalb der Belgier und Niederländer.  

Dabei ist eine Reise in die Normandie und selbst in die im Weltkrieg stark umkämpften Gebiete des nördlichen Calvados inzwischen ein völlig normales Reise- und Erfahrungserlebnis, wie mir ein deutscher „Normanne“ versicherte, der seit 35 Jahren in der Nähe von Caen lebt und arbeitet und inzwischen angesehener Gemeimderat seines Heimatdorfes ist. 

Mit diesem Ausflug in die Statistik und der politischen Realität möchte ich lediglich anschaulich machen, was man verpassen würde, wenn die Normandie aus allen Reiseplänen ausgespart werden würde.Auch wenn die gesamte Region um Caen und Bayeux historisch belastet ist, zeigen die Städte und Dörfer exemplarisch, wie diese Region im gesamten Geschichtsverlauf seit hunderten von Jahren mit außergewöhnlichen Bauwerken und kulturgeschichtlichen Orten gesegnet wurde. 

 

Caen, die Capitale der Basse Normandie ist mit ca. 103.000 Einwohner das industrielle, kulturelle und wissenschaftliche Zentrum. Die Universität, 1432 vom englischen König Heinrich VI gegründet, ist nicht nur eine der älteren französischen Hochschulen, sondern auch eine der profiliertesten Lehranstalten des Landes mit ca. 25.000 Studierenden. Außerdem verfügt die Stadt an der Orne über eine Kunstakademie.

Das Stadtbild wird von der weitläufigen und mächtigen Burg überragt sowie den Türmen der Kathedralen und der beiden großen Benediktinerabteien „abbaye aux dames“ und „abbaye aux hommes“, die von Wilhelm dem Eroberer erbaut worden sind. Die Klöster entstanden als Sühneleistung gegenüber dem Papst, der seine Heirat mit dessen Cousine Mathilde missbilligte. Wilhelms Gebeine ruhen in der Kirche St. Etienne des ehemaligen Männerklosters. Die Besichtigungen der Abteien, deren bauliche Ausmaße einen erstaunen lassen, sind ein Höhepunkt der Stadtbesichtigung. Auf dem Gelände der Burg ist das sehr schöne Museum „Musée des beaux-arts de Caen“ nachträglich architektonisch eingegliedert worden und dessen Sammlung umfasst Kunstwerke aus vielen Epochen, die man gesehen haben sollte.

Zwanzig Kilometer westlich von Caen liegt das Städtchen Bayeux, weltberühmt durch den längsten und wahrscheinlich ältesten narrativ gestalteten Teppich der Welt. Auf 68 Metern und in 58 Einzelszenen wird die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm dargestellt. Beginnend mit dem falschen Eid des Harald Godwinson, Earl of Wessex, endet die Bildgeschichte mit der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066. 

Die Stadt Bayeux gliedert sich um die Kathedrale Notre Dame in Flamboyant-Gotik. Neben dem Museum zur Geschichte der alliierten Landung unmittelbar nördlich der Stadt (Omaha Beach, Utah Beach) liegt das „Musée de la Tapisserie“ mit dem mittelalterlichen Teppich. Durch den berühmten Teppich ist Bayeux ein touristischer Anziehungspunkt geworden, aber selbst in der Hochsaison ist ein Spaziergang durch die Straßen und Gassen der Stadt relativ erträglich. Unbedingt sollte man sich die Kirche Notre Dame in Ruhe
anschauen, denn eine derartige Mischung unterschiedlicher Stile und religiös einzuordnender Exponate findet man in dieser Kombination sehr selten. Um Bayeux stehen zahlreiche Schlösser wie das Chateau de Creully, das Chateau de Vienne-en-Bessin, das Chateau de Martragny oder das Chateau de Breçy, Schlösser aus unterschiedlichen Epochen oder Jahrhunderten, aber jedes von ihnen ist ein Prachtexemplar. Vor einigen Jahren wurde in Angedenken der zahlreichen getöteten Kriegsjournalisten der Friedhof „Correspondants de Guerre“ errichtet und in einer dazu gehörigen Ausstellung werden die einzelnen Reporter mit ihren Werken geehrt.

 

Wir wohnten in der Nähe von Caen, abseits eines kleinem Ortes an der D675 gelegen, in einem riesigen Privatbesitz, inmitten in eines gepflegten Parkes in einem kleinen normannischen Haus, von Efeu bewachsen, mit offenem Kamin und stilgerechter, landestypischer Möblierung. In einer vollkommenen Ruhe, die nur durch das Rauschen der Blätter im Wind und zeitweiligem Vogelgezwitscher beruhigend untermalt wird. Morgens traute sich ein Reh aus dem Wald, um auf den saftigen Wiesen äsen zu können. Libellen und Frösche waren unsere Nachbarn. Besser und schöner kann ich mir einen Aufenthalt in dieser traumhaften Gegend nicht vorstellen, auch nicht im Grandhotel von Deauville oder im Manoir eines hoch herrschaftlichen Adelsgeschlechts. Dieser Aufenthalt barg sehr viel entspannt Befreiendes in sich und beflügelte unseren Wunsch, eine ganz spezielle kulturelle Expedition unternommen zu haben.

 

Einen Tag haben wir für Rouen eingeplant, denn die Metropole der Normandie, an den schlängelnden Windungen der Seine auf mehreren Hügeln gelegen, sollte der städtekundliche Höhepunkt der Reise werden. Rouen wurde in der kunsthistorischen Bedeutung vor allem durch seine Kathedrale weltbekannt, die wiederum nur durch die Gemälde des bedeutenden Claude Monets erst die Berühmtheit erlangte, die ihr als Bauwerk und als Reproduktionsmotiv zusteht. Auch wenn man sich in völliger Unkenntnis auf eine Stadt vorbereitet, ist die Wirkung im realen Aufeinandertreffen immer wieder verblüffend - von enttäuschend bis überwältigend. Letzteres war in Rouen der Fall, weil wir uns reichlich Zeit nahmen, den Kern der Stadt, also das historische Zentrum, fußläufig zu erkunden. Vom südlichen Seineufer sieht man schon die imposanten Türme der Kathedrale und einiger anderer Sakralbauten, aber wenn man dann die Brücke überquert hat und außer den ikonografischen Zeichen der modernen Welt kaum noch zeitgenössische Bauwerke wahrnimmt, wird man von der Wirkung dieser Stadt vollkommen gefangen. Die Kathedrale von Rouen gehört zweifellos neben Reims, Chartres und Amiens zu den schönsten gotischen Bauwerken Frankreichs. Sie wurde im 11. Jahrhundert vom Bischof Robert (der Däne) als „Notre-Dame de l’Assomption“ gegründet und letztendlich im 16. Jahrhundert völlig fertiggestellt, was nicht bedeutet, dass die heutige Bauform durch Zerstörung, Brand oder Erosion immer wieder neu restauriert werden musste. 

Für die  Freunde des Kölner Domes sei angemerkt, dass sie bis zur Fertigstellung unseres Domes im Jahr 1880 das höchste Gebäude der Welt war. 

Nur wenige hundert Meter weiter nördlich steht die Abteikirche Saint-Ouen. Auf den Grundmauern des Klosters ab 1318 erbaut, wurde diese Kirche, unterbrochen durch den hundertjährigen Krieg, im 16. Jahrhundert im Flamboyant-Stil nahezu vollendet. Auch hier gibt es einen Vergleich zum Kölner Dom, denn aus Kostengründen entlehnte im 19. Jahrhundert der Architekt Henry Grégoire die Ansicht unseres Domes für die Errichtung der Westfassade. Beide Türme und die drei Portale sowie die Figuren stammen aus dieser Zeit, die voluminös strahlende Rosette ist aber aus der ersten Bauperiode. Erwähnenswert ist auch die außergewöhnlich schöne Cavaillé-Coll-Orgel. Als wir die Kirche besuchten, konnten wir die Ausstellung der aktuellen Marcel Duchamps-Preisträger bewundern.

Wenn man so von Kirche zu Kirche wandert, kommt man auf diesen Wegen an allen erdenklichen Fachwerkstilen normannischer Baukunst vorbei, Holzbalken in allen Farben und Zwischenfüllungen aus allen möglichen Baumaterialien. Die nächste Kirche unseres Stadtstreifzuges war die „L‘église Saint-Laurent“, erbaut im 15. Jahrhundert, von 1893 bis 1911 restauriert. Heute beherbergt sie das „Musée Le Secq des Tournelles“, ein Museum für schmiedeeisernes Kunsthandwerk.
Weiter ging es zum „Tour Jeanne d´Arc“, einem Donjon (Turm) einer Burg, in dem 1431 die Ikone der französischen Geschichte Jeanne d´Arc eingesperrt und verhört wurde. 

Das Musée des Beaux Arts, ein eher klotziges Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, weist neben einer unglaublich anmutenden Vielzahl von Gemälden aus allen Jahrhunderten und in allen Stilen zumindest eine sehr ausdrucksstarke Sammlung von Werken des berühmten Konzeptkünstlers, Surrealisten und Dadaisten Marcel Duchamp und seiner Familie auf. Dessen Geschwister waren ebenso wie er künstlerisch tätig (Jacques Villon - Maler, Raymond Duchamp-Villon  - Bildhauer und Suzanne Duchamp, ebenfalls Malerin). Diese Räume geben einen seltenen Einblick in die frühen Phasen des großen Modernen. Duchamp wurde übrigens ganz in der Nähe von Rouen geboren, wo er seine Jugend  verbrachte und am Lycée Corneille das Abitur ablegte. Der Dichter Pierre Corneille ist wie Gustave Flaubert ein berühmter Sohn der Stadt.

Jeanne d´Arc ist in Rouen omnipräsent und an der Stelle, an der sie öffentlich verbrannt wurde, heute der „Place de la Marché“, erbaute man in den achtziger Jahren eine Gedenkstätte als Kirche und Begegnungsort, deren Bauform ein altes Wikingerschiff darstellt, wobei im Innenraum die Decke der Dachkonstruktion dem Kiel eines solchen Schiffes nahezu realistisch in Holz nachempfunden wurde.  

Die Atmosphäre in diesem Gebäude verbreitet eine wohltuende Ruhe und die visuelle Erinnerung an die originären Vorfahren der Normannen, die Wikinger, steht im spannungreichen Kontrast zu den gotischen Stilelementen, die die sakrale Architektur des Landes ausmacht. 

Unweit des Platzes steht der heutige Justizpalast, auch ein gotisches Bauwerk, dessen sämtliche Fassaden durch einen überbordenden Formenreichtum bestechen. Am 3. März 1494 verabschiedeten die Stadtdeputierten eine Resolution zum Aufbau einer neuen Markthalle, in dem die Kaufleute der Stadt zusammenkommen und ihre Geschäfte tätigen konnten. 1509 von den Architekten Roger Ango und Roulland Le Roux erbaut, ist dieser langgestreckte Palast das größte nichtsakrale gotische Gebäude Europas. Unter dem Hof wurde das älteste jüdische Bauwerk Frankreichs entdeckt (um 1100). König Ludwig XII erklärte es zum Königspalast und im sechzehnten Jahrhundert wurde es das Parlament der Normandie. Am 19. April 1944 zerstörte ein Bombardement die Innenräume der gotischen Flügel und am 26. August, kurz vor der Befreiung der Stadt, blieben bei einem weiteren Großangriff nur noch die äußeren Mauern stehen. Dass dieses einzigartige Gebäude heute wieder in seiner alten Pracht entstehen konnte, gehört zu den großartigen Leistungen des Wiederaufbaus aller historischen Baudenkmäler nach 1945, die während des 2. Weltkrieges in Schutt und Asche fielen. 

 

Zum Schluss erstiegen wir den Tour „Le gros Horloge“ und genossen einen weiten Blick in alle Himmelsrichtungen über die Dächer der Stadt. Dieser Glockenturm aus dem 14. Jahrhundert steht auf den Fundamenten eines zerstörten Stadtturms. 1527 verband man den Turm mit dem alten Rathaus durch einen Torbogen.  „Die große Uhr“,  ist ein ca. zwei mal zwei Meter großes Quadrat mit einem reich mit Gold verziertem, blauen Zifferblatt, welches in ihrer Urform 1389 von Jehan de Felains als astronomische Uhr konstruiert wurde. An der Spitze des einzigen Zeigers dreht ein goldenes Schäfchen, das Wappentier der Stadt, seine Runden und zeigt nur die Stunden an, da Minuten oder Sekundenanzeige in den vergangenen Jahrhunderten keine Bedeutung hatten. Das Zifferblatt von 1527, wurde 1892 restauriert, in der Umrandung der Uhr reiten sieben griechische Götter auf ihren Streitwagen ihrem wöchentlichen Auftritt entgegen. Seit 1997 wird die Uhr, die seit über 600 Jahren mehr als fünf Millionen Stunden ohne eine einzige Unterbrechung funktionierte, durch eine Funkuhr gesteuert. 

 

Epilog: was mich allerdings am meisten begeisterte war die pralle Vielfalt der in allen Farben blühenden Hortensien, besonders die Blauen, die im Konzert der Eindrücke einfach
alles übertroffen haben. Die Côte Fleurie sowie die Côte Alabatre zeigen besonders im Hochsommer in jedem Garten, an jeder Mauer die ganze Palette des natürlichen
Farbspektrums unserer Natur.

                    

Wolfgang Neisser - August 2014 


 

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