05/28/2014 12:55

Reise in eine staunenswerte Zeit zu einem friedlichen Löwen

Kategorie: Kultur in der Wahrnehmung
By: Wolfgang Neisser

Leuven-Löwen - Innenstadt mit Rathaus

 

Reise in eine staunenswerte Zeit zu einem friedlichen Löwen

 

 

 

Kennen Sie Löwen? Na klar, dumme Frage. Metro Goldwyn Mayer beispielsweise. Aber kennen Sie auch Leuven oder Louvain, was allgemein übersetzt nichts anderes bedeutet als Löwen, die eine Bezeichnung ist flämisch und die andere französisch, nur dass eben eine Stadt gemeint ist, die ein und denselben Namen trägt. Sie besitzt eine der schönsten gotisch geprägten Stadtkerne Belgiens. Oder sollte ich politisch korrekter Flanderns sagen, denn Leuven, Löwen oder Louvain war und ist seit ca. 700 Jahren zum einem das geistige und wissenschaftliche Zentrum Belgiens und zum anderen der Brennpunkt des belgischen oder flämisch-frankophonen Sprachenstreites zwischen Flandern und der Wallonie. 

 

Nach äußerst heftigen Straßenkämpfen zwischen 1966 und 1968 um die korrekte regionale Identität der Stadt und später immer wieder bis zur großen und paradoxen Regierungskrise 2010-2011, wurde, um weitere schwerwiegendere Eskalationen zu unterbinden, eine Französisch sprachige Universität in einer neu errichteten Stadt südlich von Brüssel installiert, die dann Louvain le Neuf genannt wurde. 

Die Sprachfundamentalisten auf beiden Seiten, deren wahres Interesse aber auf der politischen Entwicklung Belgiens in Folge seiner geschichtlichen und wirtschaftlichen Umorientierung von der ehemals reichen Wallonie nach Flandern fußte, setzen starrköpfig eine Spaltung des gesamten Königreiches aufs Spiel. 

 

Die Universitätsstadt  ca. 30 km östlich von der Kapitale Brüssel gelegen, wurde zum
Kulminationspunkt der Auseinandersetzungen zwischen den beiden Sprachgebieten, deren Grenze ziemlich genau von Oost-ende in östlicher Richtung bis Visé nördlich von Lüttich oder Liege oder Luik verläuft. Dominierte der an Bodenschätzen reiche südliche, Französisch sprechende Teil  im 19. und bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts das kulturelle und wirtschaftliche Leben Belgiens, so drehte sich die Stimmung mitsamt der ökonomischen Vorteile nach dem 2. Weltkrieg in Richtung Flandern. 

 

Die einschneidende, katastrophale Krise der Steinkohle - und Eisenerz fördernden und verarbeitenden Industrie zwischen Lüttich und Namur, die lange Zeit das Wirtschaftswachstum Belgiens bestimmt hatte, ließ die Wallonie in der Folgezeit in eine tiefe soziale und ökonomische Depression fallen, von der sich diese Region bis heute nicht richtig erholt hat. Wohingegen Flandern, die  überwiegend landwirtschaftlich geprägte nördliche Ebene, Zug um Zug von der Ansiedlung neuer technologischer Verarbeitungsindustrie und von Dienstleistungsunternehmen profitierte und allmählich die wirtschaftliche Dominanz in Belgien übernahm. Floß das Geld vor dieser Umwälzung  von Süden nach Norden, so hing jetzt der Süden, also die Französisch sprechende Wallonie nach Meinung der Flamen am Tropf ihrer Pfründe, dieses Phänomen können wir in Deutschland aktuell auch zwischen den reich gewordenen Bayern und Württembergern sowie dem Rhein- und Ruhrdistrikt nicht ganz so heftig beobachten.

Zudem war den Flamen die französische Sprache zumindest seit Gründung des Königreiches im Jahre 1836 nicht nur zuwider, sondern auch in bestimmten Kreisen zutiefst verhasst, war sie doch die Herrschaftssprache der Reichen in beiden Sprachregionen des Königreiches Belgien, welches erst 1830 als Loslösung der niederländischen Herrschaft entstehen konnte. Weder die Berg- und Stahlarbeiter in den Gruben und Zechen entlang der Maas, noch die Bauern und Tagelöhner bzw. Ostflandrischen Textilarbeiter im überwiegend landwirtschaftlich geprägten Flandern konnten wenig von diesem Reichtum profitieren. 

 

Nach 1960 erging es der flämischen Bevölkerung auf dem Lande und in den reicheren Handelsstädten Gent, Brügge oder Antwerpen aber wesentlich besser als noch 20-30 Jahre vorher. Dabei darf man nie vergessen, dass der wesentliche Reichtum Belgiens auf der Ausplünderung ihrer Kolonien beruhte, vor allem der des Kongos. Leopold II und seine rigide, Menschen verachtende Kolonialpolitik füllte die Kassen des neuen Königreiches und hinterließ in Afrika nicht nur verbrannte Erde, sondern auch eine bis heute instabile politisch wie ökonomische Region. 

Wer Brüssel bewusst durchstreift, kann an dem architektonischen Gigantismus des Königs genau erkennen, dass diese Bauwerke nicht aus der rein heimischen Erwirtschaftung bezahlt werden konnten: der Justizpalast, die Kirche Sacre Coeur, das Militärmuseum und viele andere Paläste und Institutionen zeugen davon. 

 

Die Thematik Sprachenstreit oder Differenzen zwischen den Wallonen und den Flamen ist so umfangreich und kontrovers zu beurteilen, dass es diesen newsletter überfordern würde, zumal die aktuelle Situation zumindest bei den Studierenden und deren Lehrern in Leuven sehr entspannt scheint. Allerdings wird Belgien so schnell nicht zur Ruhe kommen, denn zur Europawahl wird nicht nur das Verhältnis der einzelnen Landesgruppen
zueinander auf die Probe gestellt, sondern vor allem die Frage der Migration und ausgerechnet in Brüssel, der wohl multikulturellsten Hauptstadt Mitteleuropas (und der EU) schwelt schon lange ein Frontbewegung zwischen den autochthonen Flamen und Wallonen und den allochthonen Migranten. Laut demografischen Untersuchungen wird Brüssel nach 2025 überwiegend muslimisch sein. Der Vlaamse Belang (2012-7,7%) einerseits und die Ableger der Front Nationale andrerseits aus Frankreich schüren überall Ängste, Hass und Vorurteile und das ausgerechnet in einer Stadt, die alle wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Werte und Errungenschaften der europäischen Gemeinschaft
vertreten soll. 

 

Der bekannte Journalist und ZEIT Feuilletonchef Josef Müller-Marein schreibt 1966:

 

„Und diese Universität, die der Stadt Löwen Weltbedeutung verliehen hat, wird in den Sprachenstreit hineingerissen, der seine tumultuösen Argumente aus lokalen Tatsachen bezieht! Geben die geistigen Verteidiger der Universität zu bedenken, dass die Hochschule zwei gleichberechtigte „Abteilungen“ habe – die eine mit französischer, die andere mit flämischer Lehrsprache – und dass sowohl der Lehrkörper als auch die Studentenschaft, die Ausländer aus 80 Staaten nicht einberechnet, je zur Hälfte aus Flamen und aus Wallonen besteht, erwidern die politisch gesteuerten Angreifer: „Löwen liegt auf flämischem Gebiet, basta! Walen buiten! Weg mit allen Instituten, in denen französisch gesprochen wird, in wallonische Bezirke!“

Muss man hinzufügen, dass diese Angreifer keineswegs vorwiegend aus Löwen stammen? Sie werden zu allfälligen Demonstrationen fleißig herangekarrt, dirigiert von den Worthelden der radikalen „Volksunie“, deren Tendenzen auch gewisse flämische Vertreter der christlichen Demokraten übernommen haben.

In den Vorgängen um die Universität Löwen etwas anderes zu sehen als den vorläufigen Höhepunkt politischer Dummheit im belgischen Sprachenstreit, ist schlechterdings unmöglich. Denn noch jedes Argument der radikalen und übrigens sehr empfindlichen Flamen-Kämpfer lässt sich ad absurdum führen.“

  

Zurück zum Ausgangspunkt: Leuven, deren Bedeutung mit der alten und ehrwürdigen Universität eng zusammenhängt, der 1425 von Papst Martin V über die Bulle „Sapientiae immarcescibilis“  ein studium generale ermöglicht wurde. Sie wurde den Universitäten Köln, Wien, Leipzig, Padua und Merseburg rangmäßig gleichgesetzt. 

1835 wurde die ehemalige Reichsuniversität von der belgischen Bischoftskonferenz zur katholischen Universität umbenannt und die lange Zeit ausgeschlossene theologische Fakultät wurde wieder eingesetzt. Bis heute ist sie die katholische Universität geblieben, heißt nun KU und kann über 41.000 Studenten als eingeschrieben vorweisen, das ist sehr beträchtlich, wenn man bedenkt, dass Leuven heute im Vergleich dazu ca. 100.000 Einwohner zählt. 

Neben Erasmus von Rotterdam, der auch in Leuven lehrte, ist die Liste der bekannten Namen lang, die sich ihre wissenschaftlichen und geistigen Meriten an der Uni Leuven erworben haben: vielleicht sagen Ihnen die Namen Arnold Mercator, Jan Baptist van der Hulst, Prosper Poullet, Jan Hoet, Saskia de Coster oder Emiel Puttemans etwas. 

 

Wenn man Leuven als Beweis für die einmalige Schönheit romanischer, gotischer, barocker und klassizistischer Baukunst anführen will, reicht es, den historischen Kern, den „Grote Markt“, aufzusuchen und alles, was sich darum angesiedelt hat. Das spätgotische Rathaus mit seiner filigran,künstlerisch verspielt gestalteten Fassade, ein mäandernder Almanach höchster Bildhauerkunst steht im Mittelpunkt, ebenso wie die gegenüberliegende St. Pieter Kathedrale. Das Rathaus mit seinen sechs schlank in den Himmel ragenden Türmen wurde 1439 bis 1468 von Sulpitius van Vorst und Matheus de Layens geplant und unter deren Leitung gebaut. Hier sieht man auch den Wettstreit zur großen Hauptstadt Brüssel, die schon im Mittelalter Antrieb und Motor für alle konkurrierenden Maßnahmen und Vorzeigeprojekte waren. Die Sint Pieterskirche gilt als herausragendes Beispiel für die brabantische Gotik, obwohl sie aber 986 (romanisch) gegründet wurde. Im Jahre 1176 brannte die Kirche ab und wurde 1425 im gotischen Stil wieder aufgebaut. Diese in beiden Weltkriegen sehr stark beschädigte Kirche, die danach immer wieder neu restauriert wurde, beherbergt viele bedeutende Gemälde und Skulpturen brabantischer und flämischer Meister, beispielsweise von Jodocus van der Baren, Jan van Rillaer und Pieter-Jozef Verhaghen. Drei Bilder dieser sogenannten flämischen Primitiven sind jedoch die schönsten Kunstwerke in dieser Sammlung. Rogier van der Weyden, einer der bekanntesten Meister schuf das Edelherren-Triptychon, welche als älteste Kopie der Kreuzabnahme angesehen wird.

Unmittelbar neben dem Rathaus steht das Tafelrond, dass dritte wichtige Gebäude am „Grote Markt“, ursprünglich spätmittelalterlich, also gotischen Ursprungs. Die aktuelle Ansicht entstand nach dem Wiederaufbau, nachdem der Stadtkern 1914 durch deutsche Invasionstruppen zerstört wurde. An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, dass die deutsche Armeeführung im Prinzip grundlos einen großen Teil der Altstadt barbarisch zerstören ließ. Bei diesem Brand wurde nicht nur das neoklassizistische Tafelrond geschleift, sondern auch viele Bürgerhäuser und die alte Universitätsbibliothek mit nicht mehr zu ersetzenden, tausenden von Buchschätzen. Das Gebäude wurde 1817 als Ersatz des Original-Tafelrunds aus den Jahren 1480-1488 errichtet, es besteht aus drei gesonderten Bauten als gemeinsames Ensemble. 

 

Ein paar Straßen weiter steht die Sint-Michielskerk, die bedeutendste Jesuitenkirche Belgiens, die im Barock erbaut wurde. Allein die Aussenfassade fasziniert mit ihren Ausdrucksmitteln. Die Sint-Geertruidkerk mit seinem spätgotischen Turm, stammt aus dem Jahre 1454. Sein Baumeister Jan van Ruysbroeck, der auch Architekt des Brüsseler Rathauses war, verwendete beim Bau des Turmes (angeblich) keinen einzigen Nagel, was diesem Bauwerk den Ruf bescherte, eines der sieben Wunder dieser Stadt zu sein.

 

Wie man es oft in den historischen Städten der Niederlande oder Belgiens findet, gibt es auch in Leuven Beginenhöfe, den „Klein Begijnhof“ (Kleiner Beginenhof) und den „Groot Begijnhof“ (Grosser Beginenhof). Aber was bedeutet der Name „Begine“ und wann und warum ist er entstanden? Beginen waren Frauen, die zeitbegrenzte Keuschheits- und Gehorsamkeitsgelübde ablegten. Sie wählten sich „Meisterinnen“ aus dem jeweiligen Orden und waren nicht dem Armutsgebot unterworfen. Persönlicher Reichtum oder Besitz waren keine Ausnahmen. Der „kleine Beginenhof“ gliedert sich an die Gertrudisabtei und wurde 1275 erstmals erwähnt. Die Frauen „akquirierten“ durch ihre Standeszugehörigkeit Güter oder Produkte für die Gemeinschaft, die als Schenkungen bezeichnet wurden und auch als ihr Lebensunterhalt gewertet wurde. 1795, als der Hof geschlossen wurde, lebten dort 198 Beginen. Diejenigen, die über Besitz oder Geld verfügten, lebten auch in Privatunterkünften, arme Beginen kamen in gemeinnützigen Konventen unter.

In diesem newsletter möchte ich Sie in Kurzform auf diese wunderbare Stadt Leuven aufmerksam machen und deshalb würde eine Beschreibung aller historisch interessanten und auch wichtigen Stätten den Rahmen dieses letters sprengen, erwähnt sei aber noch der Kartäusergarten, die Friedhöfe der Abtei von Vlierbeek und die Abtei Keizersberg. 

 

Eine Universitätsstadt mit dieser einzigartigen und sehr wechselhaften Geschichte wie Leuven weist natürlich auch zeitgenössische Architektur auf und ich möchte mit dem Kunstzentrum STUK beginnen. Übergroße Metallbuchstaben kennzeichnen skulptural diese Institution entlang der Naamsestraat. Inmitten unterschiedlicher universitärer Fakultätsgebäude gelegen, war es früher ein Lokal, welches dann vom niederländischen Architekten Neutelings Riedijk umgebaut und erweitert wurde. Um einen öffentlichen Patio reihen sich „Kammern“: der Filmsaal, das Grand Café, das Auditorium, Kneipen, Büros und die Kunstfabrik.

Rote Ziegel als Mauerwerk und das exponierte silberne Sheddach sind die attraktiven Eyecatcher dieses Ensemblebauwerks. 

M - ist der Nachfolger des Städtischen Van der Kelen-Mertens Museum. Das neue Museumsgebäude wurde von dem berühmten belgischen Architekten Stéphane Beel entworfen. Beel integrierte zwei alte und zwei neue Gebäude in seine Konzeption und schuf damit eine ausgewogene und effiziente Anlage. Es ist ihm gelungen, die Komplementarität zwischen bestehender und neuer Architektur, in der klassische und zeitgenössische Kunst in einen Dialog miteinander treten, zu erzielen. 

Der Museumskomplex umfasst verschiedene neue Räume: das M-Café, der M-Shop, das multifunktionale Auditorium, das Kinderatelier, die Workshop-Räume, die schönen Innenhöfe, eine Dachterrasse und die prachtvollen Ausstellungsräume. 

Die Eingangshalle ist das Herz des M: ein beeindruckend großer Raum mit eine einladenden, frei zugänglichen Bereich. Die Exponate wirken in den Räumlichkeiten so, als wären sie eigens dafür erstellt worden. Ein Besuch lohnt sich in jeder Hinsicht.

 

Wenn Sie also demnächst einmal Zeit haben, ungefähr 200 km mit dem Auto zu fahren, um sich einen erfüllten Tag zu gönnen, sollten Sie Richtung Westen steuern. Oder aber, Sie sind in Brüssel, dann ist ein Abstecher nach Leuven fast eine Zweitbedingung.

                           

     Wolfgang Neisser im April 2014

 

 

 

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