12/14/2015 21:15

Keine Fisematentcher, bitte

 

 

Wenn ein Künstler dennoch ein Bild von Köln geschaffen hat, dann kann es nur ein Bild ohne Fisematentcher sein, das heißt: ein Bild ohne unnützes Getue und Förmlichkeiten. Die Fotocollage von Wolfgang Neisser ist ein solches Bild.

Und weil das Wort Fisematentcher angeblich von den Soldaten Napoleons stammen soll, wenn sie ein „lecker kölsch Mädche“ sahen und es aufforderten: Visitez ma tente, mademoiselle! (Besuchen Sie mein Zelt, mein Fräulein), werden wir auch mit den Ausführungen zu diesem Bild nicht viel Getue machen und einem vielleicht französischen „Visiteur“ erklären, was er wissen will.

 

Visiteur: Bei einem Kölnbild erwartet man, den Dom, den Rhein, die Brücken an prägnanter Stelle zu sehen. Statt dessen schaut einen ein „russisches Mädchen“ mit einem roten Stern auf ihrer Budjonovka an. Hat es in Köln eine russische Revolution gegeben?

Kölner: Wir nennen sie die „Mona Lisa von Köln“. Martin Kippenberger malte dieses Bild 1983 und gab ihm den Titel: „Sympathische Kommunistin“. Der Künstler bediente sich damals des Sozialistischen Realismus, um das Scheitern gesellschaftlicher Utopien zu reflektieren. Es ist auch ein gemaltes Bild in einem bewusst gewählten, nicht der westlichen Kunstgeschichte zugehörigen Stil, welches das Ende der Malerei zeigt und gleichzeitig in Frage stellt. Neisser fügt den Kopf der „Kommunistin“ allerdings verändert in seine Bildcollage ein. Sie scheint uns zu zublinzeln und sich 

 

 

damit über all die Interpretationen seitens 

der Kunstgeschichte zu amüsieren. Auch der Weg, den dieses Bild ins Museum Ludwig gefunden hat, kann man nicht als den üblichen bezeichnen. Kippenberger hatte mit Dr. Werner Peters, dem Kölner Galeristen, Literaten und Besitzer des legendären Hotels „Chelsea“ und des Café „Central“ während der Fußball WM 1986 gewettet: Kippenberger setzte auf Deutschland und gewann. Er wohnte seine Wette im Hotel Chelsea ab. Es gefiel ihm so gut, dass er blieb und er „bezahlte mit einem Bild, der „Sympathischen Kommunistin“. Dr. Peters übergab es dann dem Museum Ludwig.

 

Visiteur: Daher schwebt der Name des Cafés „Central“ so deutlich sichtbar neben dem Kopf der „Kommunistin“. Ganz oben links erahnt man auch den Fußball, den man jetzt mit dieser schönen Geschichte des Bildes in Zusammenhang bringen kann. 

Ich erkenne neben der mich anlächelnden Dame einen Text.

 

 

Kölner: Es ist die letzte Strophe eines Gedichtes über die Heinzelmännchen von Köln. Eine Sage berichtet, dass die kleinen, fleißigen Gesellen nachts – wenn alle Kölner schliefen – das Tagewerk vollbrachten. Doch sie durften dabei nicht gesehen werden. Die Frau des Schneiders hat sie dann nachts überrascht, weil sie ihrer Neugier nicht widerstehen konnte. Seitdem gibt es in Köln keine Heinzelmännchen mehr und die Arbeit hier wird nicht immer zur Zufriedenheit aller getan. Zum Beispiel wurde beim Bau eines neuen U-Bahn Tunnels (für die zukünftige Linie 17) so „schluderig“ vorgegangen, dass ein halber Straßenzug mitsamt der Häuser im Schacht versank. Eines dieser Häuser war das Kölner Stadtarchiv. Neisser will an dieses Drama vom 3. März 2009, bei dem auch zwei Menschen umkamen, mit dem kritischen Schriftzug „Statt Archiv“ erinnern.

 

Visiteur: Wo ist denn der Kölner Dom?

 

Kölner: Der Dom ist im Zentrum des Bildes zu sehen, allerdings in einer visuell sehr zurückgenommenen Form. Das Museum Ludwig mit seiner ausgeprägten 

Dach-Architektur fällt da schon mehr ins Auge.

 

Visiteur: Mir gefällt die im Bild angelegte Brückenkonstruktion sehr gut. Es scheinen ja zwei Brücken zu sein. Kölner: Im Vordergrund sieht man ein Teil der Mülheimer Brücke, eine Hängebrücke, die 1951 die im zweiten Weltkrieg zerstörte Vorgängerbrücke ersetzte. Sie wurde von dem Stadtarchitekten Wilhelm Riphahn gebaut, der für den Wiederaufbau Kölns in den 40er und 50er Jahren mit verantwortlich war. Die von Neisser dahinter gesetzten Eisenfachwerkbögen der Hohenzollernbrücke prägen das Stadtbild von Köln ja viel nachhaltiger. Auf beiden Seiten des 

 

 

Rheins „bewachen“ große Reiterskulpturen 

der Hohenzollern die Brücke als Erinnerung an die „große Zeit“ der Preußen in Köln. Die Hohenzollernbrücke ist eine Eisenbahn- und Fußgängerbrücke und ist direkt auf den Dom hin konzipiert, erst im letzten Augenblick biegen die Gleise nach rechts ab und führen in den Hauptbahnhof, stadtplanerisch eine Meiserleistung, doch eisenbahntechnisch ein Problem. 

 

Visiteur: Einige Skulpturen sieht man zwischen den Pfeilern der Hohenzollernbrücke stehen. Sind es die „Hohenzollern“?

 

Kölner: Im Gegenteil, aber das ist so eine typisch Kölsche Geschichte, in der man sich zwar der Obrigkeit 

beugt, aber hintenherum doch sein eigenes Ding macht. Die Skulpturen gehören zu einem Ehrendenkmal für Friedrich Wilhelm III, das heute wieder völlig restauriert auf dem Heumarkt in Köln steht. 

Das Monument sollte 1865 den 50. Jahrestag der Vereinigung des Rheinlandes mit Preußen feiern. Es 

 

 

wurde 1878 von dem damals regierenden Kaiser

Wilhelm I enthüllt und zeigte nicht etwa die Dankbarkeit der Rheinländer für die Zugehörigkeit zu Preußen, sondern stand für eine zwar unterschwellige, aber handfeste Kritik am preußischen Militärstaat: Es waren weit mehr Zivilisten als Standfiguren des Sockels dargestellt, als militärische Größen. Außerdem wirkte 
bewegungen gegen den Nationalsozialismus der
sogenannten „Edelweißpiraten“, ein Name der diesen Jugendgruppen als Verballhornung von Gestapobeamten 1939 gegeben wurde. Auch in Köln gab es um Gertrud Koch eine solche Edelweißgruppe. Koch, 1924 als Tochter eines Kesselschmieds und einer Apothekerin in Köln geboren, weigerte sich zu dem „Bund Deutscher Mädel“ beizutreten. Ihr Vater war Mitglied einer kommunistischen  Vereinigung und starb im KZ Esterwegen. Koch gründete eine eigene informelle Jugendgruppe, die den Edelweißpiraten nahe stand und sich mit Plakataktionen und Besprühen von Hauswänden hervortat. Ein von ihrer Gruppe 1942 verbreiteter Aufruf hieß: „Macht endlich Schluss mit der braunen Horde! Wir kommen um in diesem Elend. Diese Welt ist nicht mehr unsere Welt“
gehörten demnach der oberen sozialen Schicht an. Die Ehe beeinflusste die ökonomische Selbständigkeit der Frau nicht. Aus dem 16. Jahrhundert sind Seidenmacherinnen bekannt, die die Frau von Apotheker, Arzt oder Ritter gewesen sind. Der Frauengeschichtsverein in Köln hat vor einiger Zeit die Umbenennung der Gasse in „Seidenmacherinnen Gässchen“ bewirkt.

 

Friedrich Wilhelm III hoch oben auf dem Sockel eher klein neben der Masse der demokratisch gesonnenen Politiker. Im zweiten Weltkrieg wurde das Monument zerstört und einige der Sockelskulpturen im Stadtgebiet verteilt. Der Künstler Herbert Labusga hatte 1985 in einer Nacht-und-Nebelaktion den leeren Sockel mit einer Nachbildung des Reiterstandbildes aus Styropor bestückt. Es wäre eine preiswerte und dennoch wetterfeste Lösung gewesen. Einigen Kölnern war diese Form aber zu „billig“, seit 2009 prangt ein neues, mit 

 

 

Spenden finanziertes (Anti)Preußendenkmal wieder im Herzen von Köln. Die demokratisch gesinnten Herren dieses Denkmals stehen sinnend auf Neissers Brücke und schauen auf den Rhein.

Vielleicht sehen sie Konrad Adenauer, der am Ufer des Rheins steht und ein Boot beobachtet, das die Regenbogenfahne gehisst hat. Das Boot gehört zur Mülheimer Gottestracht, eine jährliche Schiffsprozession auf dem Rhein an Fronleichnam, die von dem ehemaligen Rheinschifferdörfchen Mülheim ausgeht und bis zur Zoobrücke und wieder zurückgeht. Vielleicht wundert sich Adenauer, dass nun auch die Schwulen und Lesben mit dabei sind, oder will er sich deswegen gar in den Rhein stürzen?

 

Visiteur: Wer war Adenauer und warum sollte er sich in den Rhein stürzen?

 

Kölner: Konrad Hermann Joseph Adenauer, 1876 in Köln geboren und 1967 in Rhöndorf am Rhein gestorben, war der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und zwar von 1949 bis 1963. Für den Juristen und Angehörigen der katholischen Zentrumspartei begann bereits im Kaiserreich und der Weimarer Republik die politische Karriere: Er war Oberbürgermeister von Köln und verteidigte als Präsident des preußischen Staatsrat sehr energisch die Interessen des Rheinlandes. Adenauer prägte die Ära der Nachkriegszeit.

Die neben den monumentalen Skulpturen der Hohenzollern eher bescheiden wirkende  Bronzeskulptur Adenauers, 1995 von Hans Wimmer entworfen, zeigt den Politiker in einem schweren Mantel mit Pelzkragen, wie er für die Nachkriegszeit üblich war. Adenauer hat seinen Hut abgenommen, er scheint eher in sich gekehrt als dynamisch handelnd. Die Skulptur steht im Schatten der Apostelkirche im 

Herzen von Köln, wo er als junger Politiker seine Laufbahn begonnen hatte.

 

 

 

Visiteur: Dann sind wohl die kleinen Holzfiguren neben Adenauer preußische Soldaten? 

 

Kölner: Ja, vielleicht. Die kleine gelbe Maus in der linken Ecke daneben, die auf der Brücke hockt, gehört eigentlich in die „Sendung mit der Maus“, eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln, eine der größten Rundfunk- und Fernsehanstalten Europas. Die 1996 von dem Architekten Böhm erbauten WDR Arkaden, die sich kühn über die Nord-Süd-Fahrt – eine zentrale Achse Kölns - spannen, prägen das Stadtbild des neueren Kölns. Wir sehen sie rechts im Bild von Neisser. Ein weiteres Gebäude wurde 2006 über diese große Straße gebaut: das Weltstadthaus von Renzo Piano. Die wunderbare leicht gewölbte Glasfassade ist aus 6.800 einzelnen Scheiben und 66 Holzleimbindern aus sibirische Lärche rechts neben dem Kopf der “Kommunistin“ zu sehen. 

 

 

Visiteur: Die Umrisse des Imhoff-Schokoladenmuin am rechten Rnad in der Mitte kann man gut erkennen. Hier bin ich schon gewesen, denn es ist wirklich einmalig in Europa. 

 

Kölner: Ja, dieses im neuen Stadtquartier 1993 erbaute Museum – der Architekt ist Fritz Eller – sieht ein wenig aus wie ein Schiff. Nicht nur der legendäre Schokoladenbrunnen, sondern auch die gut präsentierte Geschichte der Kakaobohne locken viele Besucher an. Ein weiteres, sehr sehenswertes Museum zeigt sich schemenhaft links des Bildes. Es ist das 2007 von dem Schweizer Architekten Peter Zumthor erbaute Museum 

 

 

 

„Kolumba“, das die Kunstsammlung der Diözese Köln birgt. Doch „Kolumba“ ist mehr als ein gewöhnliches Museum. An diesem Ort verdichtet sich auf anschauliche Weise mehr als 2000 Jahre Geschichte der Stadt Köln: die Reste römischer Stadthäuser, ein Teil der im zweiten Weltkrieg zerstörten mittelalterlichen Kirche St. Kolumba, eine nach dem Krieg auf den zerstörten Fundamenten von dem Kölner Architekten Gottfried Böhm errichtete Marienkapelle, ein kleiner Innenhof und schließlich die Räume, in denen die Sammlung des Museums gezeigt wird. Jetzt gerate ich schon ins Schwärmen.

 

Visiteur: Der Kopf mit dem Heiligenschein gehört dann wohl zu einem Bild in diesem Museum?

 

Kölner: Nein, diesen Kopf Mariens sieht man auf dem Bild von Stefan Lochner: Maria im Rosenhaag, um 1450 gemalt. Dieses kleine Andachtsbild ist eine Kölner Ikone, auf Goldgrund gemalt und die Farbe des Mariengewandes aus echtem Lapislazuli hergestellt. Wenn Sie das Bild bewundern wollen, sollten Sie in das Wallraf Richartz Museum in Köln gehen. Dies ist unser Museum für die mittelalterliche und barocke Kunst. Auch eine große Sammlung wunderschöner impressionistischer Bilder gibt es hier zu sehen.

 

Visiteur: Die „Madonna im Rosenhaag“ scheint ja 

einen weitgespannten Dialog mit der Künstlerikone der 70er und 80er Jahre: Nico Päffgen, zu führen. Eine gute Idee des Künstlers! Obwohl natürlich Welten, wenn nicht sogar der Himmel, dazwischen liegen.

Nun, was gibt es noch zu entdecken? Mir geben die 

 

 

 

Edelweißblumen am unteren rechten Rand des Bildes einige Rätsel auf.

 

Kölner: Neisser erinnert hier an die Widerstands-

 

 

 

 

 

 

 

Visiteur: Der Schriftzug: „Seidenmacher Gässchen“, 

neben dem alten Messeturm fällt auf. Gibt es dazu auch eine Geschichte?

 

Kölner: Köln war immer schon eine Stadt der Händler und Handwerker. Im Mittelalter spielten auch die Frauen eine Rolle im Wirtschaftsleben: besonders die Seidenmacherinnen. Es gab drei Frauenzünfte in 

Köln: die Garnmacherinnen (seit dem 14. Jhd.), die Goldspinnerinnen (seit dem 14. Jhd.)und die Seidenmacherinnen (seit dem 15. Jhd). Wer mit Seide handelte musste über Kapital verfügen, die  

Seidenmacherinnen und Haubenmacherinnen

 

Auf dem Bild von Neisser gibt es noch viel zu entdecken, was noch nicht zur Sprache gekommen ist. Sie sind eingeladen, sich auf die Suche zu machen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen dabei.

 

 

 

 

 

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