04/26/2015 11:43

Ist die zeitgenössische Kunst noch lebendig oder existiert sie nur noch, weil sie längst eine vergoldete Mumie ist?

Die Provokation ist ein adäquates Mittel, komplizierte Sachverhalte oder Zeitphänomene zumindest so sichtbar oder transparent werden zu lassen, dass möglicherweise aufgrund dessen ein reflektierter Diskurs entstehen kann. Eine zugespitzte und vielleicht satirisch überzogene Polemik, die sich scheinbar auf unbewiesene Tatsachen oder kolportierte Meldungen stützt oder beruft, erreicht zumindest, dass sich einige Leser ernsthafter mit den angerissenen Problemen beschäftigen, auch wenn sie sich darüber ärgern und zunächst dagegen protestieren. 
In diesem newsletter möchte ich in eigenständigen Denkansätzen, bewiesenen Fakten und Zahlen, Meinungen oder schriftlichen Äußerungen anderer, insbesondere aus der Kunstwelt wie beispielsweise von Künstlern, Sammlern, Rezensenten, Kritikern, Wissenschaftlern oder Kunstinteressierten eine Debatte um den Stellenwert der Kunst in unserer Gesellschaft mit allen positiven und negativen Aspekten anstoßen. Ich werde unbequeme Fragen stellen und für manche verblüffende Tatsachen offenlegen, die ganz im Sinne Woody Allens, allerdings abgewandelt, „alles, was Sie bisher über Kunst wussten, aber nicht zu fragen wagten“ unser Verhältnis zur Kunst und zum Kunstmarkt und der öffentlichen Position der Kunst und des Künstlers zur Debatte stellen. Dieser Text ist fragmentarisch und nicht linear angelegt und erhebt keinen Anspruch auf Deutungshoheit.
2014 zeigte offensichtlich einen Höhepunkt innerhalb der Berichterstattung über Kunstskandale, Kunstmarkt-Hyperventilationen, kriminellen Machenschaften und anderen negativ besetzten Schlagzeilen über all das, was mit der Herstellung, Kenntnisnahme und Verbreitung künstlerischer Produkte oder Projekte im weitesten Sinne in Verbindung gebracht werden konnte. Dabei kann man die gesamten Nuller-Jahre als fortschreitenden Niedergang von Werten, moralischen Instanzen und Inhalten innerhalb der gesamten weltweiten Kunst- und Kulturszene bewerten.         
Bleiben wir zunächst im Jahr 2014 und begeben uns dann allmählich an all das, was sich aus der Vergangenheit von 2014 noch bemerkbar machte und sich wahrscheinlich noch viel  länger wie eine Pandemie auswirken wird.
  
Verkauf des dreifachen Elvis und der Four Brandos aus dem Spielkasino in Aachen und der damit zusammenhängende öffentliche Aufschrei, die Bilderverbrennung wegen Kürzung öffentlicher Mittel durch den Museumsleiter Manfredi in Casoria (Museo CAM) bei Neapel in Italien, der Fälscherskandal um den Maler Wolfgang Beltracci und die ungeklärten Begleitumstände dubioser Expertisen und die Preisgabe der Wahrheitsfindung durch das zuständige Gericht in Köln, Helge Achenbach, der selbsternannte Super-Art-Consultant der Republik und die selbst ermächtigten, kriminellen Überteuerungen einiger superreicher Klienten. Die Privatmuseen superreicher Privatunternehmer wie François Pinault (Venedig Palazzo Grassi und Punta della Dogana - Tadao Ando - mindestens 40 Mio. Umbaukosten), 
Bernard Arnault (Paris - Fondation Louis Vuitton Foundation - Frank Gehry - +140 Mio. Euro), Carlos Slim (Mexiko City - Museo Soumaya - Fernando Romero -Schwiegersohn - ca. 40 Mio. Euro) oder Louvre Abu-Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate - Abkauf der Namensnennung 700 Millionen Euro, Baukosten 83 Millionen Euro (Stand 2007), deren Ausstellungsauswahl durch einen dubiosen Vertrag mit der französischen Regierung einerseits wichtige Kunstwerke der europäischen Öffentlichkeit entzieht und andrerseits ihre Kuratierungen den ästhetischen Vorstellungen der emiratischen Bauherren zur Disposition stellt. 
Es war der 15. September 2008, der als Meilenstein des Niedergangs der Kunst im Kunstmarkt zu bewerten ist. An diesem Tag bereicherte sich der Turbo-Kunstproduzent Damien Hirst um 111 Millionen Pfund, an diesem Tag ignorierte  Hirst all seine angeblichen Freunde und Förderer,  zum Beispiel die den Kunstmarkt dominierenden Sammler und Galeristen Saatchi, Jopling und Gagosian, indem er bei Sotheby’s London mehr als 200 speziell für eine Auktion zusammengeschusterte Arbeiten feilbieten ließ, die dann dieses Metaeinspielergebnis erzielten. An diesem Tag meldete die Bank Lehmann Brothers in New York Konkurs an, dessen katastrophalen Auswirkungen bis heute weltweit zu spüren sind.
Was jetzt als Sündenfall beim Verkauf der Aachener Warhol Gemälde bezeichnet wird erscheint als pure Heuchelei.  Wolfgang Becker, der ehemalige Direktor des Ludwig Forums in Aachen sagt über den Verkauf. „Die Bilder wurden als Dekoration für die Spielbank gekauft, sie waren umgeben von Menschen, die rauchten, tranken, lebten“, . . . . . .  „Kein Mensch hat sich dafür interessiert, dass die Bilder in Wert gestiegen sind“ . . Und weiter: Kein Museum in NRW* habe bisher Anspruch auf die beiden Bilder erhoben. Es bestehe auch kein Bedarf, denn es gebe genug Warhol-Bilder, unter anderem im Museum Ludwig in Köln. 
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) mahnte, Kunst sei „kein Spekulationsobjekt“, und bezeichnete den geplanten Verkauf als „schlichtweg unanständig“.
Die Aufregung über den Begriff „nationales Kulturgut“ ist scheinheilig und erscheint rechtlich als mindestens dubios. Das „Nationale Argument“ als Verkaufsblockade im internationalen Kunstmarkt spricht der Forderung der Ägypter über die Rückgabe der Nofretete Hohn. Auch der Pergamon-Altar lockt auf der Berliner Museumsinsel immer noch Besuchermassen an.
(*26 namhafte NRW-Museumsleiter warnten Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, einen Präzedenzfall zu schaffen. Die Versteigerung der mittelbar dem Land gehörenden Werke widerspreche allen internationalen Konventionen zum Schutz von öffentlichem Kunstbesitz.) 
Schon 1998 hat das Direktorium des Karl-Osthaus-Museums in Hagen ein „Seestück“ von Gerhard Richter mit Zustimmung der CDU-Ratsfraktion für 4,3 Millionen DM abzüglich Gebühren verkauft. Im Dezember 2011 soll Dr. Hans Dieter Fischer (CDU), der zum Zeitpunkt der Verkaufsentscheidung Vorsitzender des Kulturausschusses gesagt haben: „Wir haben sehr lange diskutiert und dann einstimmig den Verkauf des Bildes aus Richters „Seestück“-Reihe (…) beschlossen.“
Laut Museumsdirektor Rainer Stamm: „Der Verkauf ist in meinen Augen absolut sinn- und folgenlos geblieben. Das Geld ist im Loch des städtischen Haushaltes verschwunden.“
Gerhard Richters Kunstwerke kann man zweifelsohne zum nationalen Kulturgut und öffentlichen Kunstbesitz rechnen, ob aber die Warhol-Bilder den gleichen Rang haben, darf zumindest angezweifelt werden. Wer behauptet, dass dieses Warhol-Bild einzigartig sei, ist nicht informiert. Das Kölner Museum Ludwig  besitzt einen Doppel-Elvis in gleicher künstlerischer Anmutung und 
technischer Bearbeitung und außerdem gibt es noch den fünfmal und den siebenmal Elvis Presley. Insgesamt hat Warhol offiziell den Elvis 22 Mal porträtiert und den Brando zweimal. 
Schon vergessen in der nationalen Kulturverantwortung scheint ein Deal von 2006, der über Christies in London abgewickelt wurde. Eines der bekanntesten Ernst-Ludwig-Kircher Gemälde „Berliner Straßenszene“ von 1913 wurde für ca. 30 Mio. Euro an die Neue Galerie für deutsche und österreichische Kunst an der Fifth Avenue in Manhattan versteigert. 1937 ist das Bild für 3.000 Reichsmark der jüdischen Familie Hess aus Erfurt „abgekauft“ worden. Ob die ehemaligen Besitzer im Schweizer Exil das Geld jemals erhalten hat, ist ungewiss. 58 Bilder der Hessschen Gemäldesammlung wurde 1934 nach Basel transferiert , um angeblich eine Ausstellung zu bestücken. Tekla Hess, die in Franken lebte wurde dermaßen von der Gestapo drangsaliert, die mit einem Verfahren wegen Devisenvergehens drohten, dass sie „den Auftrag erteilte“, mehrere Gemälde aus dem Bestand in der Schweiz an den Kölnischen Kunstverein zu übersenden. Danach geriet das Bild in die Sammlung des Frankfurter Chemie-Industrie-Managers Carl Hagemann, nach dessen Tod 1940 als Schenkung an Ernst Holzinger, Direktor des Städelmuseums. 1980 verkaufte dessen Witwe das Bild für 1,9 Mio Mark an den Berliner Senat. 
Diese als „Causa Kirchner“ bezeichnete Rückgabe, mit den Folgediskussionen in den beteiligten oder betroffenen Institutionen, in der Politik und den Medien, ist eines der öffentlichsten Beispiele für die in den Restitutionsverfahren bestehenden Rechtsunsicherheit, die juristisch unverbindliche, aber politisch und moralisch verpflichtende Grundsätze auslösen können.
In den Katalogen der Kunsthäuser wurde die Straßenszene in den dreißiger Jahren zu einem Preis von 2500 Schweizer Franken zum Verkauf angeboten.
Bleibt die Affäre Gurlitt, die schon so viel Druckerschwärze gekostet hat und in allen Fernsehkanälen rauf und runter genudelt wurde, dass es mir nur wichtig erscheint, einige Fragen zu stellen, die bisher für mich unbeantwortet geblieben sind: Warum wurde das Wirken von Hildebrandt Gurlitt (Vater), der beste Verbindungen zu Künstlern wie zu Nazigrößen hatte und zu den vier Kunsthändlern gehörte, die „entartete Kunst“ in Reichsmark oder Dollar verwandeln sollten, in den 70 Jahren nach Kriegsende nicht genauer überprüft und aufgrund vieler nicht mehr aufgetauchter Kunstwerke, die im Zentrum der Wiederauffindung standen, nicht lückenlos durchleuchtet? Warum glaubte man 1960 seiner Frau in Zuge von Wiedergutmachungsverfahren, dass deren Kunstschätze bei der Bombardierung Dresdens verbrannt seien? Obwohl man wusste, dass Gurlitt zum einem NSDAP-Mitglied war und zum anderen als akkreditierter Aufkäufer für das „Führermuseum Linz“ schalten und walten konnte, wie er wollte, wurde er von den deutschen Ermittlungsbehörden im Wesentlichen in Ruhe gelassen. (siehe auch, aber Achtung! im web „Operation Gurlitt: Eine Posse mit „Glücksgefühlen“ aus die www.diepresse.com vom 16.11.2013)
Gurlitt und kein Ende.
Bern muss noch länger auf die Gurlitt-Bilder warten
SRF - Schweizer Radio und Fernsehen
Freitag, 6. Februar 2015, 12:16 Uhr, aktualisiert um 13:37 Uhr von Karin Salm
Tatsächlich hat die Sammlung mit deutscher Geschichte zu tun, war Hildebrand Gurlitt – Cornelius Gurlitts Vater – doch einer der großen Kunsthändler im Nazi-Deutschland. Dass die Sammlung bestückt ist mit Raubkunst, ist anzunehmen.
Der Antrag der Cousine steht noch aus «Im vorliegenden Fall ist ja allgemein bekannt, dass Zweifel geäußert wurden über die Testierfähigkeit und damit auch Zweifel über die Erbenstellung. 
Deswegen ist es die Aufgabe des Gerichts, einen förmlichen Erbschaftsantrag herbeizuführen.»
Und förmlich heißt: Das Gericht braucht eine eidesstattliche Versicherung. Das sind eine Menge Papiere unter anderem mit Stammbaum und Gutachten.
Entscheid fällt im Herbst
Weiterhin sagt Monika Andress vom Nachlassgericht München: «Offensichtlich überlegt sich Uta Werner dies. Denn die Akten wurden angefordert und sind jetzt außer Hauses. Sie sind noch nicht wieder zurückgekommen, so dass ich keine Auskunft darüber geben kann, was der Verfahrensstand jetzt genau ist.»
Ob die 86-jährige Uta Werner einen korrekten Antrag stellen wird? Ja, meint ihr Sprecher Thomas Pfaff nach langem Hin und Her – Ende Februar oder Anfang März. Das wiederum bedeutet, dass die zuständige Richterin in München ihren Entscheid, wer der rechtmäßige Erbe der Gurlitt-Sammlung ist, voraussichtlich erst im Herbst 2015 fällen wird. Also ein halbes Jahr später als erwartet.
  
In diesem Zusammenhang sollte niemals unterschlagen werden, dass sich viele bedeutende Meisterwerke aller Stilepochen in Privatbesitz befinden und nur in seltenen Fällen in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Teilweise verschwinden versteigerte Meisterwerke, die bei Sothebys oder Christies für Millionensummen den Besitzer wechseln in Tresoren oder anderen völlig abgesichterten Räumen der oft nicht bekannten neuen Eigentümer. 
Die Gleichzeitigkeit von ökonomischer Aufwertung und diskursiver Abwertung nebst der daraus enstandenen Entfremdung nicht nur innerhalb der Kunst, sondern auch zwischen Kunst und Gesellschaft hat ein Diskurs-Loch erzeugt, das wir nicht länger hinnehmen können. Deshalb gilt es nicht nur, die Kunst aus der ökonomischen Umklammerung zu befreien, sondern auch, ihr die von Praxis, Betrieb und Medien geraubt Würde zurückzugeben. Es ist notwendig, das Geld aus der Kunst zu nehmen, um die Bedeutung wieder herzustellen   Georg Seeßlen, Manifest 6 
An weiteren exemplarischen Beispielen, teilweise aus Zeitungskommentaren, teilweise aus Internet-Blogs und aus ausgewählten Fachbüchern möchte ich Blitzlichter über den Zusammenhang zwischen Kunst und Kapital, Finanzmarkt und Aktienkunst oder die Loslösung einiger Wert zu wachsender Kunstwerke einiger weltberühmter Künstler auslösen, um zu verdeutlichen, inwieweit sich der Kunstmarkt von der Wirklichkeit unserer Gesellschaften in unterschiedlichen Staaten entfernt hat und in der Welt der Superreichen eine wichtige klassenerhaltene Rolle spielt.
In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich bei unseren zahlreichen Reisen in europäische Städte und den entsprechenden Examinierungen vieler Museen, Galerien, Gedenkstätten oder Kulturbauten immer wieder feststellen musste, mit welcher Obszönität, Arroganz und Großmannssucht die Kunst wie eine Prostituierte missbraucht wurde und den Bewohnern oder Touristen mit höhnischem Gelächter die Fratze des unantastbaren Herrscher über Geld und Macht zeigte.
10.04.2014 Deutsche Welle, Jochen Kürten
Explosion der Preise
Und noch ein paar Zahlen: Christie‘s erzielte bei seiner Herbstauktion für zeitgenössische Kunst an einem einzigen Tag die sagenhafte Summe von 692 Millionen Dollar. Die Rekorde für einzelne Künstler purzelten gleich dutzendfach. Francis Bacons Triptychon „Three Studies of Lucien Freud“ wurde für 142 Millionen Dollar verkauft. Jeff Koons ballonartige orangenfarbene Stahlskulptur „Balloon Dog“ war einem Käufer 58 Millionen wert.
Was ist los in der Welt der Kunst? Die allermeisten Käufer der ultrateuren Bilder und Skulpturen gehören zum Klientel, das sich auch sonst mit Luxuswaren jeglicher Art eindeckt. Statt einer zweiten Luxusjacht ein neuer Warhol. Statt der soundsovielten Penthousewohnung über den Dächern einer der Metropolen der Welt ein Bild von Gerhard Richter oder Marc Rothko. Wohin soll man sein Geld auch sonst investieren - bei den derzeitig lächerlichen Renditen? Natürlich gibt es auch anerkannte Künstler, deren Werke hoch gehandelt werden. Aber Kunsthandwerker wie Jeff Koons oder Damian Hirst kann man getrost als clevere Vermarkter von fast maschinell hergestellten Renditeobjekten bezeichnen. Was lehrt uns das alles?
Die Welt der Kunst hat sich aufgespalten. Der kommerzielle Aspekt spielt in einem Teil der Kunstwelt inzwischen eine größere Rolle als der inhaltlich-formale. Über Kunst wird im Wirtschaftsteil der Zeitungen fast ebenso häufig berichtet wie im Feuilleton. Feinsinnige Beobachter wird das irritieren. Viele sprechen schon von einer „perversen Entwicklung“ auf dem Kunstmarkt. Doch diese Entwicklung spiegelt nur das wider, was die Welt in anderen Bereichen vorlebt. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr, und die Superreichen müssen halt schauen, wie und wo sie ihr Geld anlegen.
Credit Suisse, 9.12. 2014, Iris Kohn-Spogat
Die Qual der Wahl
Kunstwerke sind als Renditeobjekte kaum, als Anlageobjekte aber durchaus geeignet. Der deutsche Doyen der Unternehmensberatung, Roland Berger, sagte einst: «Die Wahrscheinlichkeit, mit Kunst Geld zu verlieren, ist am höchsten, wenn mit Kunst primär Geld verdient werden soll.» Wer primär Geld verdienen will, investiert in andere Märkte. Wem es beim Kunsterwerb in erster Linie um das Kunstwerk geht und nicht um Gewinn, wird für das Investment mit der Freude am Besitz entschädigt – Kunst hat im Gegensatz etwa zu Aktien nicht nur monetären Wert, sondern auch emotionalen. Die einen nennen es Liebhaberei, andere sprechen von Leidenschaft und vom Bedürfnis, sich mit Kunst zu umgeben und mit ihr zu leben. Simon de Pury, Kunsthändler, Star-Auktionator und Privatberater empfiehlt daher jedem, der in Kunst investieren will: «Man muss auf dem persönlichen Bezug bestehen.» 
Tagesspiegel 13.10.2012 Das zeigt die Flut neuer Megagalerien, die mit Neueröffnungen in die Stadt strömen – fast alle ins Mayfair Viertel, dem Powerhouse des Kunstmarkts. Viele kommen aus New York und suchen das Geschäft mit Russen, Arabern und Asiaten, die hier Zweitwohnsitze haben oder auf Reisen durchkommen. Die Pace Galerie eröffnete eine Galerie im alten Burlington Museum, David Zwirner und Werner verwandelten Townhäuser des 18. Jahrhundert in moderne Galerieboxen und zeigen Neues von Luc Tymans und Peter Doig. Die arabische Großgalerie Ayyam wird in der Bond Street arabische Kunst beisteuern. In den Londoner Auktionen wird fünf Mal so viel Kunst aus den „emerging“ Ländern versteigert wie in New York – es ist eine permanente Verkaufsschau mit Kunst aller Länder und aller Epochen. 
Die Welt vom 25 Januar 2015 Marta Gnyp
„Flipping“ bezeichnet die Praxis, Güter nur deswegen zu erwerben, um sie für Gewinn schnell wieder abzustoßen; der Ausdruck kommt aus dem Handel mit Immobilien und der Börsenwelt. Den Medien zufolge ist auch die Kunstwelt von heute voller Flipper. Sie konzentrieren sich auf die sogenannte „feuchte Kunst“ - so neu, dass die Farbe noch nicht trocknen konnte - und oft auf abstrakte Gemälde. Durch die Berichte über gigantische Gewinne interessieren sich noch mehr Menschen für die Kunstwelt. Mit dem „richtigen“ Murillo konnte man schließlich innerhalb eines einzigen Jahres eine Wertsteigerung von 1000 Prozent erzielen. Dass Flipping die Gefahr birgt, künstlerische Karrieren zu ruinieren, die noch gar nicht richtig begonnen haben, steht auf einem anderen Blatt - den Hypes folgen mit hoher Wahrscheinlichkeit lange Phasen der Stagnation.
Wie sind wir plötzlich in die Ära der Flipper geraten? Sie kommen nicht aus dem Nichts; ihr Auftauchen hat mit den substanziellen Veränderungen zu tun, denen das Kunstsystem seit der Jahrtausendwende unterworfen ist. Die Sammler der Gegenwart, ob Flipper oder nicht, sind ein Ergebnis bestimmter künstlerischer und gesellschaftlicher Veränderungen, die die davor geltenden Zugänge zu Kunst und zum Sammeln im Allgemeinen infrage stellen. 
Während des Gallery Weekends 2013 bekamen die Berliner Gelegenheit, die neuesten Arbeiten des 1986 geborenen kolumbianischen Malers Oscar Murillo kennenzulernen. Murillo, der 2012 seinen Abschluss am Londoner Royal College of Art in London gemacht hatte, malt auf unbehandelten großformatigen Leinwänden, verwendet Materialien wie Öl, Schmutz und Mörtel, zieht seine Linien mit einem Besenstiel statt mit dem Pinsel und hat eine Vorliebe für graffitihafte Textfragmente. In der Kunstwelt ist er vor allem durch die erstaunlichen Erfolge seiner Gemälde bei Auktionen bekannt geworden. Bei Christie‘s wurde seine 2012 entstandene Arbeit „Untitled“, deren Wert zuvor auf 30.000 bis 46.000 Dollar geschätzt worden war, für 391.475 Dollar verkauft. Die Galeristen, die ihn zu jener Zeit vertraten, verkauften ähnliche Arbeiten zwischen 30.000 und 40.000 Dollar, hatten aber aufgrund des Runs auf Murillo bald nichts mehr zu bieten. Je mehr Arbeiten von Murillo in Auktionen von Christies, Sotheby‘s und Phillips auftauchten, desto öfter war in der Kunstwelt von „Flipping“ die Rede, verbunden mit der Angst, dass es in der Gegenwartskunst nur noch um Geld geht. Auch die New Yorker Auktionen der vergangenen Woche haben atemberaubende Ergebnisse für junge Kunst gebracht. Ein abstraktes Bild des 25-jährigen Lucien Smith von 2012 erzielte 233.000 Dollar, zwei Gemälde des Kölners David Ostrowski, Jahrgang 1982, erzielten 250 000 und 281 000 Dollar und die pastellfarbigen Wolken-Abstraktion des 31-jährigen Alex Israel erzielten 581 000 beziehungsweise 1,025 Millionen Dollar. 
brandeins Ausgabe 06/2014 Michael Hutter im interview
Direktor der Abteilung Kulturelle Quellen von Neuheit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er erforscht seit Langem den Kunstmarkt.
Zum Beispiel, indem er das Werk über Strohmänner verdeckt selbst kauft, um es vor Preisverfall zu schützen. Ist das eine bei Auktionen gängige Praxis?
Ich vermute schon. Das liegt in der Natur der Sache. Man könnte sagen, dass gerade in der Marktmanipulation die eigentliche Wertschöpfung durch den Galeristen liegt. Es soll möglichst nicht auffallen, wenn sich ein Objekt nicht zum gewünschten Preis verkaufen lässt. Umgekehrt sollen möglichst viele Interessierte von neuen Verkaufsrekorden erfahren oder davon, dass Bilder an bedeutende Museen oder renommierte Sammlungen gingen. 
Nach einem Abend mit Jonathan Meese hat ein Sammler was zu erzählen. Das Hauptwerk eines Künstlers wie ihm ist sein Image, die öffentliche Figur, die er darstellt. Das treibt die Preise nach oben. Weil dieser Markt von der Aufgeregtheit lebt, sind die Halbwertszeiten relativ kurz. Von den Künstlern, die so gehandelt werden, kennt man in zehn Jahren vielleicht noch 30 Prozent und in 20 Jahren noch 10 Prozent. Ein Beispiel dafür sind die „Jungen Wilden“ aus dem Westberlin der Achtzigerjahre, Künstler wie Salomé oder Rainer Fetting. Die haben noch ihre Käufer und Galeristen, aber die Preise für ihre Bilder betragen nur noch einen Bruchteil dessen, was sie zu ihren Hochzeiten gekostet haben.
Blog Sebastian Moll New York - 28 Juni 2014
Als Koons 1991 in einer New Yorker Galerie Gemälde von sich selbst beim Geschlechtsakt mit seiner damaligen Frau, der Pornodarstellerin Ilona Staller zeigte, schrieb der damalige Kritiker der New York Times: „Es ist ein jämmerliches letztes Aufbäumen einer Epoche, die von Selbst-Vermarktung und Sensationalismus geprägt ist.“ Der Kritiker behielt unrecht, es war nicht das Ende, es war erst der Anfang.
Nun ist mit der Koons Werkschau die Kunstwelt der überblähten Märkte, des Exzesses und der Kunst-Superstars im Museum angekommen. Das Museum gibt damit jegliche Distanz dazu auf und wird Teil des Wahnwitzes.
getidan blog - Runhard Sage
Auszüge aus einem Artikel von Harald Falkenberg 2014
Einen wesentlichen Einfluss hatte Ende 1999 die Entscheidung der internationalen Auktionshäuser, junge Gegenwartskunst in ihr Programm aufzunehmen. Die Auktionen waren ein Schock, konterkarierten sie doch die Aufbauarbeit der Galerien. Von vielen, nicht zuletzt auch Künstlern, wurden sie als Verrat an der Sache bewertet. Die Verärgerung der Galeristen hielt sich aber in Grenzen. Schnell erkannten sie die Chance, durch gezieltes Mitbieten die Marktpreise junger Kunst stabil zu halten und – besser noch – rechtzeitig vor geplanten Eröffnungen in die Höhe zu treiben. Maßgeblichen Einfluss nahmen auch die Großmeister und Milliardäre Bernard Arnault, François Pinault und Charles Saatchi, die mit offenem Visier dazu übergingen, Kunst für ihre globalen Marktstrategien zu instrumentalisieren. Und mit dabei die vielen Spekulanten und Finanzjongleure, die im Überfluss des Geldes auf junge Kunst setzten, langfristig in dubiosen Fonds angelegt und kurzfristig über Auktionen wieder auf den Markt geworfen.
Für die Reichen ist Kunst Anlage, man spricht von einer Flucht in die Sachwerte in Zeiten der Niedrigzinsen, auch gelegentlich von Geldwäsche; in erster Linie ist für sie Kunst aber ein Statussymbol.
Die Kunst ist in der heutigen Gesellschaft zu einer neuen Leitkultur aufgestiegen und wie der Spitzensport und das Showbiz im System der internationalen Unternehmen und Massenmedien fest verankert.
Boulevardblatt „Bild“ von der Eröffnung der Art Cologne: „Wichtige Kunst, noch wichtigere VIPs! Kunst ist zur Religion der High Society geworden. Ehrengast beim Auftakt war Gabriele Inaara Begum Aga Khan. Sie war noch schöner als so manche dargebotene Kunst.“ - ??????????????
Stars der Szene sind zweifellos die Künstler, die ihr Kunstschicksal selbst in die Hand nehmen und eigene Institutionen schaffen, die sie mit bezahlten Mitarbeitern lenken und verwalten. Künstler wie Matthew Barney, Olafur Eliasson, Damien Hirst und Jeff Koons stehen für diese Richtung, die an das Modell der Künstlerfürsten vergangener Zeiten anknüpft. 
Das mächtige China weiß sich gegen Ai Weiwei nur durch Hausarrest zu wehren. Kurioserweise hat man ihm das Handy und den Zugang zum Internet wohl in der Hoffnung gelassen, dass irgendwann ihm niemand mehr zuhört und er zu einer bloßen Fiktion wird. (wahrscheinlich ist es genau umgekehrt, der Autor W. Neisser) 
Weiwei gebührt mit seinem wagemutigen politischen Protest höchste Achtung und doch ist er längst in das marktorientierte und finanzielle System der internationalen Kunst eingebunden. Seine Arbeiten werden zu Höchstpreisen verhandelt. Auf der Biennale in Venedig 2013 wurde er im französischen Pavillon als deutscher Beitrag im Austausch zum französischen Beitrag des albanischen Künstlers Anri Sala im deutschen Pavillon ausgestellt. Es heißt, dass dieser Deal von deutschen und französischen Staatssekretären ausgehandelt wurde, selbstverständlich unter maßgeblicher Übernahme der Kosten. Mit freier Kunst hat das wenig zu tun. 
Zum vorläufigen Schluss der ersten Teil der artkolumne möchte ich den Verkauf des Gauguin-Gemäldes nach Katar für ca. 300 Millionen Dollar anreissen und zur Diskussion stellen:
Einige Schlagzeilen und Textazszüge
SRF-online vom 8. Februar 2008
Basel verliert Gauguin-Meisterwerk – und zuckt mit den Schultern
Gauguins «Nafea faaipoipo von (1892)“ gehört zu 18 hochkarätigen Werken der Sammlung Staechelin, die als Deposita im Kunstmuseum Basel hängen. Sie sind die noch verbleibenden der Sammlung von ungefähr 150 Bildern des Basler Industriellen Rudolf Staechelin. 1931 gründete er die Staechelin-Familienstiftung. Mit der Form der Stiftung wollte er verhindern, dass in den Wirren der Weltwirtschaftskrise Werke der Sammlung verkauft würden.
Ruedi Staechelin, der Enkel von Rudolf Staechelin, wandelte die Stiftung in den 1990er-Jahren um in einen Familientrust. Seither ist er nicht mehr an die strengen Auflagen der Stiftung gebunden. Er kann die Bilder jederzeit verkaufen, ohne eine Notlage geltend zu machen.
Grund sei die Schließung des Museums bis im April 2016 für einen Erweiterungsbau, sagt Staechelin gegenüber der Agentur SDA. Ab März werden die übrigen Werke der Sammlung Staechelin in Madrid und ab Oktober in Washington präsentiert. Ob sie dann wieder ins Kunstmuseum zurückkehren, ist unwahrscheinlich.
Das Emirat gilt als einer der wichtigsten Käufer für moderne Kunst; auch Cézannes Gemälde „Die Kartenspieler“, dessen Verkaufspreis bei 250 Millionen Dollar gelegen haben soll, waren, wie kolportiert wurde, von der Herrscherfamilie Qatars erworben worden.
Seniorweb vom 08.02.2015
www.seniorweb.ch
Dieser für Basel traurige Verkauf wird das seine zum Besucherrekord beitragen: Vermutlich ist Gauguins Nafea von 1892, das seit Jahrzehnten zu den Pièces de résistance des Kunstmuseums zählte, zum letzten Mal in Basel zu sehen. 
Besitzer Ruedi Staechelin habe es für 300 Millionen US Dollar nach Katar verkauft, heißt es. Zuvor hing es mit anderen zentralen Werken der klassischen Moderne als Leihgabe des Kunstsammlers Rudolf Staehelin im Museum, bis dieses die Pforten wegen der Erweiterung schloss – mit ein Grund für das Zerwürfnis mit den Erben des Sammlers.
Damit – so scheint es – kommt auch Basel mit seinen Mäzenen in die aktuelle Zeit des globalisierten Kunsthandels, welcher nichts als Teil der Finanzwelt mit einem Link zur Kultur ist. Wo Staaten von Ranking-Instituten wie Konzerne in ihrer Bonität eingestuft werden, wo der öffentlichen Hand Abermilliarden von Steuern entzogen werden, wird der Handlungsspielraum eng, und was noch vor wenigen Jahrzehnten solidarisch erreicht werden konnte – man denke an die Picasso-Bilder, welche dank einer breiten Kampagne für Basel angekauft werden konnten – ist heute absolut irreal: das Bruttoinlandprodukt von Basel-Stadt beläuft sich grad auf etwas mehr als ein Zehntel des Preises, der angeblich für Nafea gezahlt wird. 
Passt das was zusammen oder bleibt dem Kulturbürger in Europa nur Ratlosigkeit und 
Resignation? Welche gesellschaftlich relevante Bedeutung haben nationale Kulturgüter eigentlich und können die Superreichen, die mit ihren Helfershelfern den internationalen Kunstmarkt nicht nur repräsentieren, sondern auch kontrollieren alles machen was sie wollen. Interessiert es die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt, was als ein Ausverkauf unsere Werte bezeichnet werden kann wenn nach und nach unser kulturelles Tafelsilber verscherbelt wird? Die wenigsten wissen, was sich inzwischen alles im Besitz der nahöstlichen Ölmilliardäre befindet und offensichtlich ist es den meisten auch gleichgültig, solange man ein wohlfeiles Leben führen kann.
Meines Erachtens ist der Aufschrei der Bundesministerin für Kultur und anderer hochrangiger Kulturstrippenzieher angesichts der 
Warhol-Verkäufe aus dem Aachener Spielkasino nichts als pure Heuchelei. Zum einem kürzt das Staatministerium die Förderung wichtiger Kulturinstitutionen seit Jahren mehr und mehr. Das trifft vor allem schmerzlich alle kleineren, privat gegründeteten und finanzierten Kunst- und Kulturinitiativen im Bereich Theater, Film Kunstvereine oder Kunstförderpreis, zum anderen leistet sich der Staat viele zu viele hochsubeventionierte Kulturtempel, denen trotz künstlicher Beatmung immer mehr die Zuschauer davonlaufen. Allen voran die Bundeshauptstadt Berlin, die mit zahlreichen Theatern und Opernhäusern oder Museen  wahrhaftig Hauptstadtformat mit Weltgeltung unterhält.
Allzu gerne nehmen viel deutsche Großunternehmen, sogenannte global player der ersten Garde, schon seit langer Zeit das Geld vom Golf mit großer Freude und stehen danach mindestens mit einem Fuß in der Verpflichtung 
gegenüber den Geldgebern, die im globalisierten Pokerspiel mit einem Bauernpärchen jeden Einsatz solange hochtreiben können bis auch der schönste Royal Flush zwischen London und Rom die Karten nicht mehr wert sind.
Aber es bleiben viele offene Fragen, die wir uns stellen müssen, wenn es um Geschäfte mit dem Nahen Osten geht. Wie steht es immer noch und immer wieder mit Demokratie und Menschenrechten? Warum lassen sie zu, dass islamische Kulturdenkmäler im Irak, in Afghanistan, in Mali oder Syrien bis auf die Grundmauern zerstört werden und die Bevölkerung ermordet werden. Schließlich gibt es zur Kulturbewahrung in Sharjah das Museum for Islamic Civilization wie das prachtvolle, von I. M. Pei entworfene Museum for Islamic Art in Dohas. Eine Milliarde Dollar kostet der Louvre in Abu Dhabi, mehrere hundert Millionen die Guggenheim-Filiale von Frank Gehry, aber was geben die Scheichs für ihre eigene Kulturgeschichte aus. 
Und da man inzwischen weiss, dass es so ist: in welchem Maß unterstützen sie mit Geld- und Waffengeschäften die Mördertruppen des IS.?
Fortsetzung im nächsten Monat. 

 

 

 

 

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