09/06/2016 08:41

Horrorszenarien oder Kolleteralschäden

Mit viel Zeit und aufwendigen Bemühungen lese ich in den unterschiedlichen Zeitungen, politischen Webportalen oder blogs über die Aussichten, Lösungsplanspiele und Kolleteraldenken innerhalb der Flüchtlingskrise. Ich schaue mir Tagesschau und heute an und bin erstaunt, wie naiv und unrealistisch die Berichterstattung ist, vor allem, wenn es darum geht, wie das Schicksal der tausenden und demnächst abertausenden Flüchtlinge, die nach Europa streben, in humane und nachhaltige Bahnen (Aufnahme und Integration) gelenkt werden sollen. Denn das Limit der bürokratischen und staatskonformen Maßnahmen ist doch längst überschritten, man wlll es noch nicht wahrhaben und jeder denkt, dass das Kochen seiner eigenen Suppe Abhilfe schaffen könne. Eine Politik ohne Behördenwahsinn und eine kooperative Haltung in Kommunen und Ländern kann das schaffen, was die Kanzlerin wahrscheinlich völlig unbedacht geäußert hat

Es gibt gar keinen Zweifel, dass immer mehr Menschen aus dem Nahen Osten bis Afghanistan, aus Nordafrika bis nach Eritrea und Mali oder bis zur westafrikanischen Küste sich aufmachen werden, um der Not und dem Hunger in ihren Ländern zu entfliehen. Die Situation in diesen Ländern ist so desolat und destruktiv, dass eine Besserung der Zustände in nächster Zeit nicht zu erwarten ist. 

Dieses flüchtende Drängen der Hilflosen und Verfolgten in vermeintlich bessere und humanere Regionen wird solange weitergehen, bis sich die Verhältnisse in diesen Staaten oder in diesen alles zerstörenden Konfliktherden irgendwann einmal ändern wird. Diese Länder, die übrigens immer mit unserer tätigen Hilfe zu den kaputten Gebieten geworden sind, was sie sind, ob wir militärisch involviert waren, ob wir Waffen geliefert haben, ob wir die korrupten Machteliten einiger Staaten unterstützt oder indem wir sie einfach nur gewähren liessen, bedeuten auch die Rache der Kolonialzeit und sind das Ergebnis der Ausbeutung durch den westlich-östlichen Globalisierungshunger. (Kein Mensch wird behaupten, dass alle Flüchtenden an Leib und Leben bedroht sind, aber die überwiegende Masse, vor allem derer, die aus Syrien und dem umkämpften Gebieten Iraks und Kurdistans kommen, haben in ihrer Heimat keine Chancen mehr)

An unseren Händen klebt Blut.

Was ist aber, wenn wie jetzt, zwischen Griechenland und Mazedonien die Grenzen mehr und mehr mit Stacheldraht abgesperrt und durch schwer bewaffnete Grenztruppen verteidigt werden und die Massen hinter den Zäunen vor Verzweiflung und Wut den Aufstand wagen und diese Grenzen überrennen, denn ihnen ist es gleichgültig, ob sie für lange Zeit interniert, ob sie mit Gefahr für Leib und Leben zurückgeschickt oder ob sie all ihre Energie, die ihnen noch geblieben ist, zusammennehmen und sich wehren, indem sie losstürmen. Wenn sie die Zäune überrennen und wenn es ihnen gleichgültig ist, ob sie dann erschossen werden, weil in diesem Zusammenhang der Gebrauch der Waffen zwangsläufig für die Grenzer angeordnet werden muss, geraten wir alle in ein global politisches Dilemma, was wir uns bislang nicht in unseren schlimmsten Befürchtungen ausgemalt haben. 

Wenn sie erkennen und bereit sind, lieber in der Hoffnung auf ein besseres Leben zu sterben, als in die Hölle ihrer Heimatländer zurück zu müssen und dort ebenso in den sicheren Tod zu gehen, wird kein Zaun sie aufhalten. 

Was ist, wenn eine Art "Spartakusauftstand" hochbrodelt, wenn sie von den europäischen Unfähigkeiten, die Situation in ihrem Interesse zu lösen, so enttäuscht sind, dass ihnen alles egal ist, werden sie ohne Zögern bis an ihre menschlichen Grenzen gehen, denn diese Gefahren hatten sie während ihrer Flucht schon mehrfach hinter sich. 

In Lybien braut sich der nächste große und vielleicht noch grausamere Unruheherd zusammen und kein europäischer, amerikanischer oder russischer Politikemissär oder völkerfreundlicher Vermittler wird sie aufhalten können, denn wer seine eigenen Kinder hat sterben gesehen und immer wieder hilflos zuschauen musste, wie um ihn herum alles wahllos zerstört wurde, greift nach jedem Strohhalm, um diesen menschenverachtenden Zuständen zu entkommen. 

Wie groß wird das Geschrei sein, wenn die Grenzen mit Leichen übersät sind, wie schmallippig und unbeholfen ratlos werden Seehofer, Cameron, Orban, Faymann und all die anderen Scharfmacher sein, die mit großmäuligen Verbalattacken die Stimmung erst so richtig eingeheizt haben. Auch wehrlose, ansonsten friedliche Massen können binnen kürzester Zeit in gewalttätige, zu allem bereite, von Zorn und Verzweiflung getriebene lebende Waffen mutieren und dieses Szenario klingt zwar spekulativ utopisch, aber es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass dies in irgendeiner Form Realität werden kann. Wenn das geschieht, werden in einigen Ländern Geister aus der Flasche gelassen, die keiner je befreit sehen wollte, wenn das geschieht, wird Europa ins Chaos versinken und wenn das Wirklichkeit wird, werden sich die Scharfmacher aller Proveninienz klammheimlich aus dem Staub machen. Das muss jeder bedenken, wenn er mit Pegida herumtrampelt oder sich mit der AfD eine angenehm kuschelige nationale Zukunft herbeisehnt. Von Wilders, Le Pen, Straché und all den anderen Wölfen im Schafspelz ganz zu schweigen.

Deshalb müssen alle nationalistischen Alleingänge und die unzähligen partiellen Streitpunkte und nationalistischen wie auch religiös gefärbten Ressentiments zwischen den Konfliktparteien so schnell wie möglich zumindest in ruhigeres Fahrwasser geleitet werden. Die Ursachen müssen bekämpft werden und nicht die Auswirkungen. Entsteht ein gefährlicher Virus, verbreitet er sich rasend schnell , aber das Aböten eines einzelnen Infektionsherdes hält den Virus nicht auf. 

Wehe uns, wenn die ersten erschossenen Kinder und Frauen an den Demarkationslinien liegen und alle lauthals rufen: aber das haben wir nicht gewollt. 

Le Noir

 

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