09/06/2016 08:29

Grantelnde Nation, Patrie perdue

Noch fletscht sie ihre Zähne zum maliziösen Grinsen der gierigen Politraubkatze, noch meint sie, dass in Frankreich mit einer Wahlbeteiligung von knapp 50 Prozent und 28 Prozent der abgegebenen Stimmen auch der Präsidentenstuhl im Handstreich 2017 zu besetzen wäre, aber für eine rechtsextreme, fremdenfeindliche Partei, die Frankreich wieder ins Zeitalter der Schreibmaschinen und Telegrammboten zurückbeamen will, dauern 2 Jahre sehr lange und in dieser Zeit kann noch so viel passieren, dass selbst Michel Houellbecq in eine depressive Ratlosigkeit fallen könnte. 

Alle bemühen sich das Ergebnis zu analysieren und wiederholen aber nur das, was allen schon vorher bekannt war. Ein Dussel und Träumer, der geglaubt hätte, dass die blonde Marine nicht die Mehrheit gewinnen würde, denn die immer schon verblendeten Bürger in den Regionen des weiten Landes, nicht die Citoyens der Nation, haben gesprochen, während die Hälfte der Wahlberechtigten zu Hause geblieben sind, um sich über die Großbuchstaben "Choc" im nach hinein köstlich amüsieren zu können, denn sie haben es ja ohnehin schon vorher gewusst und prophezeiten sich selbst insgeheim, dass nur so ein Choc alle wachrütteln könne, um Frankreich das zu ersparen, was die Kampfdogge der Rechten 2017 umzusetzen gedenkt.

Was natürlich auch nicht stimmt, wenn man bedenkt, in wie vielen tausend multiglobalen Vertragsknebelungen das Land gebunden und gefesselt ist, die all die großen Versprechungen von geschlossenen Grenzen, Euroaustritt oder Natokündigung in Schall und Rauch verwandeln werden. Martin Schulz hat recht, wenn er sagt, dass allein die angekündigten Grenzschließungen und -kontrollen Frankreichs ohnehin schon malade Wirtschaft ruinieren würden. Den Patrons der Großunternehmen oder deren angestellte Finanzregulatoren aus den ENA-Retorten und all den global Playern, die noch ordentlich Rendite über multinationale Vertragswerke einkassieren, werden sich zwingend Gedanken machen müssen, wie es nach 2017 weitergehen wird, wenn all das umgesetzt wird, was sich die rechts marinierte Marine so ausgedacht hat. Notfalls werden sie das Volk abwählen, welches die großen Errungenschaften der globalisierten Welt, die Frankreich Wohlstand und Savoir Vivre mit Goldprädikat eingebracht haben, gegen ein nationales Baguette-, Camembert- und Pastisgedusel umtauschen wollen.

Viele, die in dem so lange vernachlässigten und von Arbeit befreiten Trauergemeinden von Nord, Pas de Calais und der Piccardie vom Dschungel vor der Eurocité und den kränkelnden Monokulturen der Landwirtschaft entlang der Côte d´Opal die Schnauze voll haben, sehen in der blond gefärbten Marine eine Art Jeanne d´Arc, die dereinst mit harter Schwerthand die Rettung bringen wird, vergessen aber, wie diese Jeanne d´Arc dereinst geendet ist. Die reichen Weinbauern im Elsass, die schon immer rechter als konservativ wählten und inzwischen keine noch so arbeitswilligen Nordafrikaner mehr sehen wollen, werden sich wundern, dass der Edelzwicker oder der Pinot Noir von Deutschen und Engländern nicht mehr getrunken wird, weil er einerseits zu teuer und andrerseits den Gout der römischen Fasces offeriert. Im Vaucluse, wo die jüngere, noch radikalere Kopie der Le Pen Generalin aus dem gleichen Familiestamm auch fast 40 Prozent bekommen hat, wohnen nicht nur die Reichen der Pariser Schickeria, sondern auch die wohlhabenden Niederländer, Deutschen oder Amerikaner, denen es ohnehin gleichgültig ist, wer in der Capitale demokratisch gewählt ist, solange der Luberon von Dieben, Gitanes, Mafiosi oder herumirrenden Clochards gesäubert wird, wissen vielleicht noch nicht, dass dann der Reiz der Gegend französischer Sehnsuchtskultur für andere, eher demokratischen Menschen aus nahe- oder fernliegenden Ländern und Staaten verbrannt ist und dass dann die Märkte zwischen Isle sur la Sorgue und Beaume de Venise nur noch Trostlosigkeit atmen. Sicherlich sind reiche Russen, Chinesen und Scheiche immer willkommen, aber die kommen auch nicht mehr, wenn sie plötzlich keine dollarsprudelnden Geschäfte mehr abgrabschen können.

Wenn nächste Woche die Front National wieder die Franzosen mit hohen Prozentzahlen schockt, dann sollte 2017 Marine le Pen wirklich auch Präsidentin werden, um allen zu beweisen, wie aus einer Grande Nation mit vielen Rissen ein Petit Caramel wird und wie dann die Welt die schönste Stadt der Welt - Paris - meidet und wie der neu eingeführte französische FrancDroite selbst von Bettlern nicht mehr akzeptiert wird. Wenn nächste Woche Sarkozy wiederum wie ein trotziger und dreister Ignorant von einem Bein aufs andere hüppelt und Hollande dann den Weltkrieg mit dem Begriff "totaler Krieg" in eine neue Phase verbaler Versagensrhetorik treibt, die selbst dem Hauruck verseuchtesten Halbrechten aus der 16. Arrondissement die Zornesröte ins Gesicht treibt, dann sollten wir alle Vernunft begabten französisch sprechenden Philosophen, Soziologen, Politikwissenschaftler, Neurologen und Psychoanalytiker aller Länder nach Carpentras, Calais und Toulon schicken, um den von Dummheit geblendeten Steinzeitsehnsüchlern im rechten Lager die Theorien und gelebten Fakten von Voltaire, Kant, Hugo, Marx, Benjamin, Arendt, Russel, Schweitzer, Foucault, Rousseau und vor allem Camus ins Gedächtnis zu rufen oder zu hämmern.

Aber ich glaube noch an Frankreich und fahre wie schon über vierzig Jahre immer wieder in mein zweites Heimatland und werde mich von all den verbiesterten und gedankenlosen Rechtsdemokraten übelster Gesinnung nicht hindern lassen, in irgendeinem Bistro mit einem guten Burgunder, Volnay vielleicht, über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu plaudern und ich wette, wir beide werden viele interessierte Zuhörer haben.

Heute aber: Denk ich an Frankreich in der Nacht und erst am Tag (nach der Morgenzeitung) bin ich um den Schlaf und um meine gute Laune gebracht. 

LeNoir

 

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