09/06/2016 08:37

Die Erkenntnis allen Übels

Alle Kommentare zu der ungeheuerlichen und kaum in Worte zu fassenden Tat in Nizza, einem Kapitalverbrechen einer neuen Dimension des weltweiten Individualterrorismus, leiden daran, dass sie die Grundübel und als kriminell und menschenverachtende Fehlentwicklungen einer weltweiten dramatischen und sich immer weiter zuspitzenden Entwicklung der Klassen- und Rassenunterschiede und der fest zementierten Herrschaftssysteme ausser acht zu lassen und sich der einzelnen Phänomenen in der neueren Geschichte dieser so im negativen Sinne für die Menschheit mutierten Welt zu zuwenden. Völlig gleichgültig, wie sich der französische Staat und seine Strippen ziehenden Protagonisten martialisch aufspielen, völlig gleichgültig auch, wie sich im gleichen Maße die Scharfmacher einer konservativen und noch machtversesseneren Opposition, sei es Sarkozy und Konsorten oder die ewige Schmutzsoße der "Front-National-Kopfab-Schwanzab und raus mit denen" Irrwische jetzt gebärden, es geht um die Ungleichheit in der französischen Republik, es geht um die Abgehängten und Aussortierten, die Chancenlosen und "Alles-egal-Mentaliäten nicht nur in den Banlieus der großen Städte, sondern um einen durchgängigen Riss durch das französische Volk, sei es im Nord-Pas-de-Clais oder im Alpes Maritimes. Man kann denen, die jetzt alles zu vereinfachen suchen, nur empfehlen, mal durch ganz Frankreich zu fahren und auch dorthin zu gehen, wohin sonst kein Tourist wagt, hinzuschauen, sei es in den Randgebieten der kleineren Städte im Inland, sei es ausserhalb der Pariser Peripherique oder den riesigen Mietskasernenghettos um Marseille oder Toulon. Ich war da und ich kann nur sagen, dass es überall gärt und brodelt und dass diejenigen, die Sarkozy noch mit dem Kärcher in das Schmutzwasser der Seine spülen wollte, sich entweder in losen, aber militant bereiten Gruppen organisieren oder als durchgeknallte, von außen auserwählte Rächer den richtigen Moment abpassen, so zu zuschlagen, dass der viel zitierten bürgerlichen Mitte, die von Konsumtrip zu Konsumtrip hastet, von Spektakel zu Spektakel lebt, der Arsch allmälich auf Grundeis geht. Das ist keineswegs ein Affront gegen all diejenigen, die im Prinzip ein friedliches, arbeitssames und sozial gemeinschaftliches Leben führen wollen, das ist eine Zustandsaufnahme der Wirklichkeit. Dies Menschen kommen finanziell immer noch sehr gut über die Runden, man sehe die vollgestopften Einkaufskörbe in den Einkaufstempeln Auchan oder Les Mousquetaires zu den Festtagen Weihnachten oder Ostern, man sehe ihre Mittelklassewagen und ihren Kleidungschic a la besserer Modegeschäfte, aber auch damit können sie nicht übertünchen, dass sie alle prinzipiell in Angst leben, weil zum einem die Wirtschaft lahmt und zum anderen, jeder andere ihren Platz sofort einnehmen könnte, würde eine Krise so einschneidend sein, dass das gesamte Wirtschaftsleben auf den Kopf gestellt würde.

Über allen thronen sie die Reichen und Superreichen, die vermögenden Mittelstandsindustriellen, Anwälte und Privatklinikbetreiber und alle, die über alle Maßen Besitz zu verteidigen haben, die in abgeschotteten Vierteln leben und kaum Steuern bezahlen, (weil sie es können) die wie die Maden im Speck leben und dafür sorgen, dass alles so bleibt wie es ist; als Industrielenker, als Juztizherrscher und Politentscheider, dass ihre Pfründe und Einkommnesflüsse über die Zeit kommen und über jede staatliche Krisensituation gerettet werden. Und wenn nicht, dann zieht man flugs nach Belgien oder nach Mauritius oder La Reunion und lässt das französische Mutterland in seinem Tohuwabohu schnöde im Stich, weil es diesen Menschen immer nur so viel an solidarischen Wert bedeutet, wie es ihrer eigenen Profitsucht und ihrem Savoir Vivre Nutzen bringen kann. Beispiele für diese Klasse, der sich selbst ausgeklinkten Typen gibt es genug, die ihre Hand auf die linke Brustseite legen, während von oben die so gerne propagierte Solidarität des Staatswesen und der Einheit aller Franzosen mit Pathos verkündet wird, die damit beschworen werden, wie eine Eins in Zeiten des Schreckens zusammenstehen.

Was aber in Wirklichkeit fernab der Realität der Massen zusammengekungelt wird, dazu braucht man nur ab und zu Le Monde, Canard Enchaine oder Liberation lesen. Also worum geht es dann wirklich, wenn auf der einen Seite Kleinkriminelle aus den Banlieus, die sich dieses Dasein bestimmt nicht selbst ausgesucht haben und die letztendlich den vollmundigen Versprechungen des IS-IT auch deshalb erlegen sind, weil diese mit Überzeugung wenigstens Versprechungen machen, die zwar einerseits das Leben kosten können, andrereits Geld, Sex und totalen mörderischen Spaß versprechen. So, endlich ernst genommen, verüben sie in Paris oder Brüssel massenmordende Massaker an Unschuldigen der immer noch im Staat wichtigen Klasse der Angepassten (auch auf Gefahr hin, dass man die eigenen Leute zufällig umbringt, wo gehobelt wird, fallen Späne), oder wenn sich verblendete, sozial gedemütigte, psychisch instabile, alkoholkranke oder drogensüchtige Einzelpersonen, die ohnehin jegliche Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben aufgegeben haben und vielleicht durch die sie umschmeichelnden Propagandalügen des Daesh auf einen Trip geraten sind, der absuderweise dem Satz "Warhols" gleicht, einmal im Leben für fünfzehn Minuten ein Star zu sein, gleichgültig wie das Urteil über den jeweiligen Wert ihrer Untat ausfällt. Es ist dann so leicht, die wahnwitzige Tat zu begehen, in einer Menschenmenge mit einem Schnellfeuergewehr ein Blubad anzurichten oder mit einem LKW von hinten friedlich spazierende ahnungslose Passanten wie unnützen Müll zu Brei fahren? Oder geht es um die gut bezahlten Drohnenpiloten, die fernab der Kampfzone per Mausklick Mord und Chaos verursachen, ähnlich einem Ballerspiel, aber in dem Ethik und Moral wohlweislich aussen vor bleiben? Oder geht es um die Räumung der Flüchtlingscamps bei Calais, wo ohne Rücksicht auf Verluste alles zertört wird, wohl wissend, dass eine Woche später eine neues Camp entstanden ist? 

All das zeigt doch den Wahnsinn, der unsere Gesellschaft durchsetzt hat, der das schöne Bild der Medien und der sogenannten freieren, heterogenen und multikulturellen Gesellschaft oder ad absurdum führt und immer wieder den Finger in die Wunde legt, die blutet und blutet und doch nicht verheilen will: Den Herrschaftsverhältnissen des Finanzkapitals und der Großkonzerne als Global Player in Kumpanei mit gewissen politischen Kräften, die nicht unbedingt in direkter Verantwortung stehen müssen, sondern durch Geheimdienste, Staatspolizei oder gewissen skrupellosen Lobbyistenkreisen auch im Interesse des Profits so gegängelt und zielgenau eingesetzt werden, dass sie wichtige Entscheidungsprozesse von hinten oder aussen und auch innen lenken und anstoßen können. Wo sind denn die Ergebnisse und zumindest Ansätze zur Veränderung geblieben, die bei Sonntagsreden, Parlamentsdebatten, UN-Friedensgesprächen, EU-Vereingungsmaßnahmen angemahnten Werte einer aufgeklärten und nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlickeit strebenden Humangesellschaft, die endlich die Barrieren zwischen arm und reich, zwischen Hungernden und Kranken, zwischen Entrechteten und immer noch stigmatisierten Minderheiten wie Homsexuelle oder Schwarze und Latinos in den USA beispielsweise, zwischen Hütten und Palästen, zwischen Banken und Nullzinsempfängern niederreißen und uns dahin führen, wo uns der Jahrhunderte lange Kampf bis zur Aufklärung und die unermüdlichen Bestrebungen nach laizistischen Staatsgebilden oder humanen Arbeitsbedingungen hingeführt haben? Wenn wir jetzt nicht beginnen, die Parlamente bzw. die Wege in die Parlamente neu zu sortieren, den Demokratiegedanken angesichts fehlnder Wahlbeteiligungen grundlegend zu reformieren und die Umverteilung der Vermögen vorzunehmen, solange werden die Kriege in Nahost, Mittelfafrika, Ukraine oder in unseren Banlieus weiter andauern und immer wieder auf Neue entflammen und hirnverbrannte Einzelrambos Menschen hinterrücks zu Tode walzen. 

Im übrigen ist der Tyrannenmord nicht erst seit Hitler, der im übrigen auch demokratisch gewählt wurde, immer noch als eine moralische und ethisch zu verantwortende letzte Chance noch Schlimmeres von bestimmten Gesellschaften fernzuhalten.

LeNoir

 

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