02/27/2015 16:05

Der Zauber der ewig jungen Schönheit an der Schelde

By: Wolfgang Neisser

Graslei- Innenstadt

Stadtansicht Korenmarkt

Genter Altar

Unser Nachbarland Belgien wird von vielen allzu schnell als kulturell unterbelichtetes Fritten- und Schokoladeparadies bezeichnet und viele, die oft mit dem Auto oder der Bahn nach Paris oder London fahren und dabei das Königreich Belgien durchqueren müssen, wissen oder ahnen nicht, was dieses Land zwischen den waldigen Ardennen-Höhenzügen, den flandrischen Rinderweiden (Jacques Brel: „Le plat pays qui est le mien“ - „Mein flaches Land du bist mein Land“) und der schmalen Kanalküste zwischen Oostende und Antwerpen alles zu bieten hat. 

Philosophiekunst hat in den letzten Jahren belgische Städte in seinen Programmen immer wieder vorrangig vorgestellt und die Reisen nach Brüssel, Antwerpen oder Lüttich riefen begeisterte Kommentare hervor. Mit diesen drei Großstädten, auch in der Reihenfolge ihrer Bevölkerungsdichte, werden wir in diesem Jahr die vierte große Metropole Belgiens, Gent, mit einer zweitägigen Reise unsere Aufwartung machen. Mit ca. 250.000 Einwohnern und einem überwältigendem architektonischen Mittelalterensemble an Kirchen, Klöstern und Profanbauten gehört die „de fiere stad“, die stolze Stadt an der Schelde, die auch die Blumenstadt wegen ihren weiträumigen floralen Anbauflächen genannt wird, ein ganz besonderer Höhepunkt einer jeden Reise nach Belgien und ein Muss für alle, die mittelalterliche Bau- und Sakralkunst lieben und dennoch in einer lebendigen und modernen Stadt kulinarisch „gourmetique“ und konsumfreudig  flanieren möchten.  

Einer der absoluten Höhepunkte mittelalterlicher Malerei und eine der weltweit bedeutensten Altargestaltung ist der „Genter Altar - Het Lam Godes“ von Jan van Eyck. Wer Gent mit Kunst und Kultur verbindet, meint auch immer den „Genter Altar“, der in der St.-Bavo-Kathedrale (ursprünglich St.-Jans-Kirche, 1300 bis 1538) in einem kleinem Seitenkabinett zu bewundern ist. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde angenommen, dass dessen Bruder Hubert gestalterisch an diesem Retabel mitgewirkt hat. Diese Annahme wird aber inzwischen von der kunstwissenschaftlichen Forschung verworfen. Bei meiner Recherche zu diesem newsletter stieß ich im web auf einen entsprechenden Artikel, der 1954 im Spiegel veröffentlicht wurde. Der Brügger Sammler Emile Renders, ein allseits anerkannter Kunstkenner und -liebhaber konstatierte 1933 mit dem dickleibigen Werk „Hubert van Eyck, Persönlichkeit und Legende“ , dass die Mitwirkung Hubert van Eycks an diesem großartigen Werk eine Legende sei , was in der gesamten internationalen Kunstwelt wie eine Bombe einschlug. Da der Altar nach dem Raub durch die Nazis 1945 in einem Salzbergwerk bei Neuschwanstein wieder aufgefunden worden war und dementsprechend restauriert werden musste, berief man eine Wissenschaftskomission unter Professor Paul Coremans, der in seinem Abschlussbericht feststellte: „Wir haben das Bild auf der Oberfläche und darunter untersucht, um darin die Hand eines zweiten großen Meisters zu entdecken, aber vergebens. Wenn Hubert etwas beigeschossen hätte, wo könnte man es wiederfinden?“. Eine spannende Geschichte, fast ein Krimi, den die Mitreisenden dann vor Ort in allen Details erfahren werden. 

 

Spricht man von der Genter Stadtsilhouette, den „vier torens“, den vier Türmen, dann meint zum einem die drei historischen Mittelaltertürme in der „Scheldegotik, den Belfried, den Glockenturm der St. Niklas Kirche und den Turm der St. Bavo-Kathedrale und den aus den dreißiger Jahren erbauten und so genannten „Bücherturm“ von Henry van de Velde auf dem Blandinberg, einem 64 Meter Hochhaus im Bauhausstil, der zur Universität Gent gehört und laut wikipedia über 2 Millionen Bücher beherbergt. Eigentlich gehört zur innerstädtischen Skyline auch ein sehr schlanker spitzdachiger Turm einer Kirche zwischen Graslei und Korenmarkt. 

 

Der Kern des historischen Gents bilden von Osten nach Westen der Duivelstein (Schloss von Geraard dem Teufel, die St. Bavo-Kathedraal, der Belfort, die neu erbaute Stadshal und die St. Niklaskerk mit dem anschließenden Korenmarkt und den die Leie säumenden Bürger- und Patrizierhäuser an der Predikherenlei und der Graslei sowie der am anderen Ufer liegenden St. Michielskerk. Gäbe es weder Straßenbahn, modernisierte Geschäftsfassaden, Laternen und all das, was uns Wanderern zwischen den Jahrhunderten zum zeitgemäßen Leben mit Design und Konsum untrennbar verbunden scheint, man würde sich mit seinen klackenden Schritten auf dem Kopfsteinpflaster ins Mittelalter zurückversetzt fühlen (allerdings gab es damals noch kein Kopfsteinpflaster). Gotik und Renaissance in alle Blickrichtungen, wäre da nicht die neu errichtete Stadshal, die mit ihren zwei langgestreckten Spitzdächern wie ein mutiger Akzent zu all der romantisierten steinernen Retrophysiognomie wirkt. 

Die Stadshal ist leer und darum offen oder öffentlich, meinen die Architekten des Büros Robbrecht en Daem Sie verstehen den offenen Raum als „öffentliches Wohnzimmer“, um spontane oder geplante Versammlungen oder Events für alle Bürger zu ermöglichen.

Eine derartige Idee ist auf den ersten Blick neu und fast revolutionär, aber wenn man geschichtlich denkt, weiss man, das archaische Gesellschaften auch heute noch oft diese offenen Bauten als Versammlungshäuser nutzen. Das ist demokratische Bürgerbeteiligung am öffentlichen Leben einer Stadt in Reinkultur. Dieses öffentliche „Wohnzimmer“ hat in einem der stützenden Füße des Bauwerks einen offenen Kamin integriert, in dem unter städtischer Aufsicht tatsächlich Feuer entfacht werden kann. Nachts wird die beiden Dächer durch Scheinwerfer in ein goldenes Licht getaucht, dass den Bau wie einen großen leuchtenden Reliquienschrein wirken lässt.

Man muss sich vorstellen, dass die gesamte Fläche zwischen Belfort und St. Niklaaskerk vor Jahren noch ein riesiger, unbehauster Autoruheabstellplatz war, eine Folge der radikalen Stadtzerstörung im Zuge der Weltausstellung von 1913 war, deren Impetus,  Messebesuchern und Touristen pittoreske Postkarten-Ansichten zu bieten, indem die Blickachsen für die historischen Monumentalbauten freigestellt wurden. Es gibt keine spätmittelalterliche Stadt, die soviel Raum um ihre Sakral oder Profanbauten lässt, da standen dicht gedrängt Häuser. Die Manie, für Konsum, innerstädtischen Verkehr und Tourismus profitablen Platz zu schaffen, währte bis spät in die sechziger Jahre. Der Korenmarkt erscheint einem auch deshalb irgendwie fremd zu prachtvollen Gebäuden, die wie hingepflanzt wirken. Man stelle sich vor, das sähe in Münster oder Freiburg genauso aus, obwohl dort der Krieg viel brutalere Zerstörungen angerichtet hat als im relativ verschont gebliebenen Gent.

Vom Korenmarkt zur Feste Gravensteen sind es vielleicht zwei-dreihundert Meter, dort steht der wuchtig und  wehrhaft starrende Steinklotz, angeblich aus dem  9. Jahrhundert von Balduin 1., genannt Eisenarm errichtet, am Zusammenfluss der Lieve und Leie.

 

 

Nachdem die Wikinger zunächst einen Holzbau in das kleine Delta stellten, wurde um 1000 die erste steinerne Burgfassung hochgezogen. Philipp von Elsass, der damalige Graf von Flandern, 1180 bis 1200, vergrößerte die Burganlage, der von diesem Zeitpunkt Gravensteen genannt wurde. Er war als Okkupator gekommen und nutzte die Burg, um das Land besser kontrollieren zu können. Lag die Burg zunächst außerhalb der Gemarkung Gent, wurde sie nach dem 12. Jahrhundert wegen des großen Bevölkerungswachstums von der Stadt umschlossen.

Im 14. Jahrhundert wurde Gravensteen von den Gentern, die der Fremdherrschaft überdrüssig waren,  belagert und eingenommen. Die nächsten dreihundert Jahre diente sie als Gericht, Kerker, Folterkammer und Hinrichtungsstätte.

Im Zuge der aufkeimenden industriellen Revolution wurde sie verkauft. Aus der Festung wurde eine Textilfabrik mit Arbeiter- und Direktoratswohnungen. 1887 kaufte die Stadt Gent die Burg zurück. Um 1980 und in den folgenden Jahren wurde die Burg anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt Gent vollständig restauriert.

Ein weiteres Gebäude, das sozialistische Volkshaus (Ons Huis, Bond Moyson), welches inzwischen in unserer marktkonformen Gesellschaft als anachronistisch bezeichnet würde, weist auf eine Zeit hin, als Gent das Manchester des europäischen Kontinents genannt wurde. 

1920 beauftragte die „Socialistische Werkersvereenigingen“ (Arbeitervereinigung) den Architekten Ferdinand Dierkens ein repräsentatives und oppositionell geprägtes Großbauwerk zu errichten. Die faszinierende Fassade zum Vrijdagsmarkt wird durch das große Art Nouveau- und Hufeisenfenster geprägt. Ansonsten zeigt die Außenansicht einen eigenartigen eklektizistischen Stilgemisch.

In großen vergoldeten Lettern steht stolz geschrieben „Ons Huis“. Zum besseren Verständnis gibt es eine Subline, die eindeutig aussagt, was sich hier abspielt und wer dieses Haus besitzt: „Werklieden aller Landen vereenigt U“. (Werktätige aller Länder vereinigt euch - die alte Kampfparole der Arbeiterbewegung).

Wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit unmittelbar nach dem großen Krieg, Gent durch eine flandrische Oberschicht dominiert wurde (die natürlich französisch parlierte), war das ein Affront und vielleicht eine offene Kampfansage an die reichen Großbürger. 

die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind sie Vorbilder einer Stilmischung oder des Eklektizismus. Das Haus ist im Prinzip ein sichtbares Zeichen auf das, worauf alle sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien heute noch stolz sind: Solidarität durch Genossenschaften für die Arbeiterfamilien. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn ausgerechnet am Vrijdagsmarkt, wo das Volk einst den Aufstand probte. So kann man es auch als architektonisch ideologisches Pendant zu den Kulturtempeln am Kouter für die oberen „Zehntausend“ sehen. Heute laden Kneipjes zum Einkehren ein und man hat ein Theater eingerichtet, nachdem eine Bürgerinitiative in den Achtzigern den Abriss der „roten Kathedrale“ verhinderte. Übrigens ist der Vrijdagsmarkt ein sehr beschaulicher Platz, allerdings mit einer gehörigen Portion Leben. Rundherum laden hübsche Straßencafés und Bistros auf einen guten Schluck ein und freitags ist natürlich Markt und da die Belgier dafür bekannt sind, in jeder Hinsicht sehr feierlustig zu sein, werden auf dem Platz Feste und Kirmes veranstaltet. Der gute Schluck hat in Belgien einen Namen: Trappistenbiere in sämtlichen Geschmacksrichtungen, Brauarten und Alkoholumdrehungen. Das fängt bei 5 Prozent an und hört bei sage und schreibe 13 Prozent (Quadrupel) auf, (man munkelt, dass es noch stärkere Knallsäfte gibt) da sorgt ein Fläschchen Chimay, Wolf, Duivel oder Affligem schon für einen mittelprächtigen Schwips. Außerdem sind die bauchigen und edel dekorierten Gläser eine Augenweide, deshalb ist es immer zu empfehlen, eine gut bestückte Sortenkneipe aufzusuchen. Größere Flaschen mit einem Korken verschlossen werden auch Champagnerbier genannt.

 

Gent beherbergt zahlreiche Museen, u.a. das Museum für schöne Künste MSK, das Stadtmuseum STAM, das Museum Arnold vander Haeghen oder Hotel Clemmen, das Design Museum im ehemaligen Hotel de Coninck und das S.M.A.K. letzteres ist im Feld der zeitgenössischen Kunst eines der etabliertesten Kunsthallen in Europa, was auch daran liegt, dass Jan Hoet dort in den 90er Jahren wesentliche Impulse gesetzt und diesem Museum durch seine kuratorische Arbeit einen international bemerkenswerten Ruf verholfen hat. Hoet, der ehemalige Leiter der dokumenta IX 1992 in Kassel, Direktor des Museums MARTa in Herford zwischen 2003 und 2009 war Mitbegründer dieses neuen Museums 1999, nachdem er schon im Museum für schöne Künste 1975 die erste Abteilung für zeitgenössische Kunst in Belgien implantiert hatte. 

Er prägte nicht nur das S.M.A.K  zwischen 1999 und 2003 sondern war die anerkannte Instanz für zeitgenössische Kunst in Flandern, wenn nicht in ganz Belgien. 

Das S.M.A.K. liegt unmittelbar neben dem Museum für schöne Künste im Zitadellenpark und besticht durch seine klare und einfache Formgebung. Hier haben seit seiner Gründung wohl alle namhaften Künstler des 20. und 21. Jahrhundert ihre Werke präsentieren können, allerdings ist es auch die gute Stube für die belgischen Künstler der Gegenwart.

 

Dreijährlich veranstaltet Gent Ende Januar ein drei Tages Lichtspektakel, das Hundertausende abends bis Mitternacht in die Stadt lockt. Der Zufall wollte es, dass wir genau zu dieser Zeit unsere Vorreise in die Stadt unternahmen.

Die Stadt leuchtet. Lichtinstallationen tauchen Gebäude, Monumente, historische Fassaden, enge Gassen aber auch die Kanäle und Flüsse in spektakuläre Farbsymphonien oder erzählen in digitalen Montagefilmen eigenständige Geschichten. Die ganze Innenstadt wird zur Bühne für immer wieder überraschende, manchmal explodierende, in sich ruhende oder sich langsam verändernde Farbkompositionen. Lichtskulpturen, wechseln mit faszinierende Projektionen und Installationen, die von unterschiedlichen KünstlerInnen oder Kunstgruppen gestaltet worden sind. Das Lichtfestival ist Bestandteil des Genter Lichtplans, einem Beleuchtungskonzept für die City, der von dem renommierten Lichtdesigner Roland Jéol entworfen wurde. 

Eine eigens konzipierte und verkehrsberuhigte Route navigiert die Besucher von einem Lichtkunstwerk zum anderen und laut Presseberichten sollen am Samstag, den 31. Januar mehr als 250.000 Passanten durch die von Farben durchbrochene Genter Nacht geschlendert sein, die dem schon bei Tag beeindruckenden Panorama der Stadt eine neue faszinierende Wahr-
nehmungskomponente verliehen hat.

 

                          Wolfgang Neisser - Im Februar 2015

Downloads:
Gent-oude-Skyline.jpg2.6 M
 

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