04/26/2015 11:29

Democracy Exit is Grexit

By: Wolfgang Neisser

 

Ich bin empört

 

Meine Freunde Joannis und dessen Tochter Fotini wie deren Mann Costa betreiben ein mittelständisches Unternehmen im Bausektor und sind mir über die Jahre lieb und teuer geworden. Als griechisch stämmige Bundesbürger sind sie für mich so etwas wie die Vertreter einer Kultur, die Albert Camus in seinem Buch  "Heimkehr nach Tipasa" als Mittelmeerkultur bezeichnet hat, die von Lebensfreude, Großzügigkeit, Empathie und Expressivität geprägt ist. Es ist eine große Bereicherung meines Lebens, diese Menschen kennen gelernt zu haben und mich als deren Freund bezeichnen zu können. 

Schon in meiner Studienzeit war ich immer wieder gerne Gast in von Griechen geführten Gaststätten, Kneipen und Restaurants meiner unterschiedlichen Studienorte und werde die dionysischen Feste mit zerbrechendem Porzellan, klirrenden Bouzukiklängen und Ouzo seligen Nächten nie vergessen. 

Ich selbst bin noch nie in Griechenland gewesen, stand aber 1970 ziemlich belämmert an der Grenze des damaligen Jugoslawiens und wurde von den „Kettenhunden“ der Junta wegen langer Haare, schmutziger und zerrissener Kleidung  sowie subversiver Absichten nicht ins Land gelassen. 

Wie haben wir Kazantzakis "Zorba" bewundernd zugeschaut, als er den Sirtaki tanzte und seine Lebensphilosophie in einfachen Worten aussprach, immer wieder haben wir die lebendige und ergreifende Musik von Mikis Theodorakis  gehört und der Stimme Maria Farantouris gelauscht. 

 

Ich bin empört. Ich bin zornig und ich bin vor allem beschämt. Ich schäme mich, wie Griechenland als Heimat aller dort lebenden Griechen ausgerechnet von uns verallgemeinernd über einen Kamm geschert an den Pranger gestellt werden. Ausgerechnet von uns, die wir nach dem zweiten Weltkrieg, völlig am Boden liegend, durch die wirtschaftliche Solidarität des Westens wieder auf die Beine kamen, auch wenn diese Unterstützung keinesfalls uneigennützig war. Einige  Presseorgane, als populistische Vertreter der Öffentlichen Meinung, machen uns Glauben, dass die meisten Menschen zwischen Thessaloniki und Piräus unter Generalverdacht schäbiger oder krimineller Betrügereien und negativster Charakterbeschreibungen zu stellen seien. Dieses unwürdige Schmierentheater, welches sich unter dem Deckmantel seriöser Berichterstattung versteckt, treibt im Sinne einer schon lange von der legislativen und exekutiven Politik abgekoppelten Banken- und Finanzmacht einen Keil zwischen demokratisch gewählten Regierungen und dem Volk, zwischen arbeitenden Menschen und selbstgefälligen Finanzspekulanten und hinterlässt ein Bild moralischer und ethischer Verwahrlosung, die in den Schaltzentralen der Europäischen Staaten herrscht. Es geht nicht um das Staatsgebilde Griechenland, sondern um 11 Millionen Griechen, die von ihren eigenen Politikern und Unternehmern und Bankern ausgetrickst und über die Löffel barbiert worden sind und am Rande einer sozialen und humanistischen Katastrophe stehen, die sie selbst nicht verschuldet haben und nur in geringem Maße zu verantworten zu haben. Griechenland steht als exemplarisches Beispiel für eine allgemeine ökonomische Krisensituation und die moralische Bankrotterklärung der europäischer Staaten, die bislang nur eines eint, eine gemeinsame Valuta. Und dieses Euro genannte europäische Zahlungsmittel war von Anfang an kein einigendes Instrument der im Euroraum befindlichen Staaten, sondern hauptsächlich ein Instrument der Gewinnmaximierung der im Markt zirkulierenden Warenproduktion und Exporte. Stephane Hessel rief uns alle in seinem berühmten und eindringlichen Pamphlet. Dieser Appell an die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, mehr Zivilcourage zu praktizieren, rief dazu auf, dass wir uns wehren müssen, dass wir aufstehen müssen jenseits unserer mageren demokratischen Rechte, die uns übrig geblieben sind, um eine lebenswerte und gerechte Zukunft gestalten zu können. 

Der Satz "Solidarität ist keine Einbahnstraße", der in den letzten Monaten von vielen Politikern, europäischen Finanzverwaltern und populistischen Weltdeutern immer wieder benutzt wird, als würde man damit trotz allem eine Großzügigkeit und freundschaftliche Verbundenheit demonstrieren, ist in dieser Hinsicht falsch und verdreht den Sinn des Begriffes "Solidarität" in eine zweckgebundene Kapitalismushymmne. Solidarität in ihrer Kernaussage zumindest aus der Arbeiterbewegung steht immer für das selbstlose Helfen und Zusammenstehen, ohne zunächst eine Gegenleistung zu fordern. Auch die Kunstbegriffe Grexit oder Graccident sind euphemistische Sachverhaltsverschleierungen, denn es geht tatsächlich aber um einen Rauswurf, einem Rausdrängen oder einem geplanten und inszenierten Schwerstunfall, der ein Verbleiben in der Zone der erfolgs- und profitorientierten Glückseligen nördlich der Alpen unmöglich machen wird.

 

Gewisse Zeitungen und Medienformate im TV haben ihren Sprachduktus schon in ein beleidigendes, vor allem ungerechtfertigt verallgemeinertes Pöbeldeutsch umgewandelt, wenn sie von den gierigen und faulen Griechen reden, die zu dumm waren, sich eine richtige, eine marktkonforme Regierung auszusuchen und stattdessen Habitusrabauken und subversive Störenfriede an die Macht gebracht haben. Peinlich wird es dann, wenn bei Günther Jauch der angeblich ausgestreckte Mittelfinger des grandiosen und eitlen Selbstdarstellers Janis Varoufakis indoktrinierend als vermeintliches Indiz herhalten muss, um den Urheber dieser Geste zu einem Eurofeind und Flegel zu brandmarken, auch wenn der eigentliche Vorgang aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Es reichte, um den nach Beweisen lechzenden Fernsehpublikum weismachen zu können, dass der geschmähte Grieche seinen Gönnern und Rettern nur Undankbarkeit entgegenbringt. Der Aufschrei, dass die deutschen Steuerzahler ihr Geld in ein Loch ohne Boden werfen ist schlicht gelogen, bis dato gab es nur Bürgschaften und Geld für jene griechischen Banken, die bei unseren Banken verschuldet sind. 

Im Gegenteil, all die Kredite, die die Banken hin- und hergeschoben haben, lohnten sich, indem sie ihnen Profite in mehreren hundert Millionen einbrachten. Und diese Unwahrheiten oder auch bewusst eingesetzte Lügen werden ohne Filter in den Presseorganen aufgebauscht und machen die Leser glauben, dass sie persönlich mit ihrem Geld für die griechischen Schulden haften. 

Vielleicht missverstehen die Verantwortlichen über die Meinungshoheit in den Sendeanstalten und den Redaktionsbüros das öffentliche Auftreten der Syrizapolitiker und ihre für sie leider nicht konforme Sinneshaltung als ödipales Verhaltensmuster. 

 

Seit dem unaufhaltsamen Niedergang des griechischen Staatshaushaltes und dem Anschwellen der Schulden nach der Lehmann-Pleite zeichnete sich ein Sieg der vom Staat allein gelassenen Bevölkerung mit dem Votum für Alexis Tsipras ab und es ist von Anfang an eine Diffamierung aus Unkenntnis des linken Wahlprogramms gewesen, wenn vor einer Katastrophe für die EG und den Euro gewarnt wurde. Die Wahl von Tsipras war ein Hilferuf einer gedemütigten und absteigenden Gesellschaft, die am Abgrund stand und sich nur noch von den Versprechungen der Syriza Heilung versprach. An dieser Stelle sollte man dankbar sein, dass nicht die Rechtsradikalen von der goldenen Morgenröte so viele Stimmen bekommen haben, dass eine Regierbarkeit Griechenlands gänzlich unmöglich geworden wäre. Nun ist diese Regierung noch keine 100 Tage im Amt und soll in dieser kurzen Zeit alles erledigt haben, was ihre Vorgänger verschlampt haben und die Austeritätsbefürworter und Konsolidierungsprediger aus dem Norden in einem Dauerlamento verlangen. Tsipras und Co. hatten noch nicht mal Luft zum Atmen, um sich einzuarbeiten und verantwortlich um die innere Lage des Landes kümmern zu können. Ausserdem sind die verantwortlichen Protagonisten dieser Regierung ohne Verwaltungerfahrung oder kennen sich im politischen Tagwerk noch nicht so aus, wie die gewieften Berufspolitiker, die ansonsten überall das Sagen haben. Die Syriza übernahm schließlich ein Gefüge aus Staatsbeamten, die jahrelang in die Machenschaften der Vorgängerregierungen eingebunden waren und möglicherweise von den Strukturen der Vetternwirtschaft und Korruption der Mächtigen mitprofitiert haben. Das Damoklesschwert der Brüsseler Bürokraten und der von ihnen eingesetzten sogenannten Troika, die mit harter Hand sanieren sollten, aber laut unterschiedlichen Beurteilungen beispielsweise der Hans-Böckler-Stiftung nichts Vorzeigbares zustande gebracht haben, blieb somit bedrohlich über den Häuptern der Griechen hängen. 

Diese postulierte Katastrophe begann schon vor der Einladung Griechenlands 2001, in den Euro einzusteigen. Heute hört man unisono, dass man schon wusste, dass die Griechen mit geschönten Daten die Kriterien für die Aufnahme in die Eurowährung erfüllt hätten, was im übrigen die meisten Staaten der angepeilten Eurozone betraf. Die Erfüllung der Stabilitäts- und Wachstumsvorgaben führte dazu, dass in fast allen europäischen Staaten die kreative Buchführung mit kriminellster Energie genutzt wurde. Das ging in Griechenland lange gut, obwohl Insider aus Wirtschaft und Politik von Anfang gewusst hatten, wie die europäischen Gelder aus Brüssel an den Bürgern vorbei in die Taschen der Reichen flossen oder aber spurlos irgendwo in Immobiliengeschäften oder in den Tresoren Schweizer Banken verschwanden. Die Hybris, Olympische Spiele in Athen abzuhalten und der Welt ein solides modernes Griechenland vorzuspiegeln, stürzten mit ihren überzogenen Investitionen in Milliardenhöhe das Land weiter in die Schuldenspirale. Die postmodernen Ruinen der Sportstätten zeugen von dieser gemeinsam mit dem IOC, den nationalen Profiteuren und mächtigen Finanzspekulanten aus aller Welt ausgehandelten Deal eines Olympischen Albtraumes. 

 

Zwischen 1993 und 2004 war die Stunde der Buchhalter gekommen, die von Deutschland und Frankreich angeführt wurde. Schon unter Helmut Kohl und seinem Finanzminister Waigel basierten alle Verhandlungen laut politischer Insider auf einem Kuhhandel politischer Einzelinteressen beider Länder. Das aber hört man heute nicht mehr so gerne, entspricht aber der Wahrheit, wie es heute auch von einigen beteiligten Protagonisten der handelnden Regierungen oder EZB-Bankern zugegeben wird. In diesem Fall spielt auch die Bank Goldmann Sachs eine wichtige Rolle, die Griechenland mit Statistikoptimierungen und Swap-Geschäften aus der Patsche geholfen hat, damit  die von allen abgesegneten Konvergenzkriterien für den Euro erfüllt werden konnten. Übrigens war damals Mario Draghi verantwortlicher Chef der US-Bank. Goldmann-Sachs handelte nicht uneigennützig, man spricht von ca. 500 Mio. Dollar Prämie. Das Dilemma, was heute als Staatsbankrott bezeichnet wird, begann oder setzte sich fort mit den in sich verkrusteten und abgehalfterten Parteien aus PASOK (links) und Nea Demokratia (konservativ) und deren Duldung eines korrupten Beamtenapparates sowie der steuerlichen Unantastbarkeit der reichen griechischen Oligarchen. Zusätzlich bescherten die Eurovergütungen den griechischen Herrschaftseliten einen reichen Segen, während die eigentlichen Adressaten, nämlich die Bevölkerung am unteren Rand der Gesellschaft leer ausging. Erst mit dem Finanzcrash 2008 und der Lehmann-Desaster zeigte sich wie marode der gesamte griechische Staat inzwischen war. Das Land, allein von Agrarwirtschaft und Tourismus zehrend, füllte zudem die Kassen der anderen europäischen Exportnationen, die durch die Eurogleichschaltung einseitig profitierten.

2011 geschah aber etwas anderes, was die Wirklichkeit und Zukunft der griechischen Gesellschaft dramatisch und nachhaltig veränderte. Die beiden US-Ökonomen Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff (ehemals Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) stellten die These auf, dass ein Staat, wenn er die 90 Prozentmarke der Verschuldung überschreitet, danach kein Wachstum mehr erzeugen kann, schlimmer noch, alles, was mit der Wachstumstheorie evaluiert wird, bricht ein und die Wirtschaftsleistung dieses betroffenen Staates stürzt ab. Das war für die Finanzminister der westlichen Staaten das Zeichen, dass nur drastische Sparmaßnahmen diesem Szenario etwas entgegensetzen könne. Wolfgang Schäuble war einer der ersten, der die These der beiden US-Ökonomen zum Dogma stilisierte. In diesem Zusammenhang schufen die jeweiligen Finanzminister Griechenlands auf Druck von Brüssel die irrwitzigsten Steuern und Ausgabenbeschneidungen  wie Kindergeld- und Rentenkürzungen, Einschnitte in die Krankenversicherungen und drastische Gehaltsbeschneidungen. Allerdings kam 32 Monate später heraus, dass die These der beiden Wirtschaftsspezialisten so fehlerhaft war, dass ihre Schlussfolgerungen kontraproduktiv sein mussten. Alles begann mit Tippfehlern in eine Excel-Tabelle. In der Studie, die ja ein Gesamtbild aller gesichteten Staaten abgeben sollte, fehlten ausgerechnet Australien, Österreich, Kanada Dänemark und Belgien. Hinzu kam, dass die Bemessungszeiträume in keinem Kontext zueinander standen, dass sie dadurch zur wissenschaftlichen Attrappe wurde. Belgiens Wirtschaftsleistung, das Land hochverschuldet, wuchs aber trotzdem und Großbritannien, die auch über 90 Prozent Verschuldung hatten, wuchs sogar um 2,4 Prozent. Fehler, die weitreichende Folgen nach sich zogen. Inzwischen war aber so viel Zeit vergangen, dass die Mittel- und Unterschicht Griechenlands in ein bedrohliches Desaster geschlittert war. Unternehmenspleiten zogen Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg nach sich, heute spricht man von 26 Prozent allgemeiner Arbeitslosigkeit und ca. 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Die Obdachlosenquote stieg an und die Suizidrate erreichte einen Zuwachs von 27 Prozent. Athen schien im Chaos zu versinken, während die wechselnden Regierungen von Fehlentscheidung zu Fehlentscheidung taumelten, was die Lage des Landes weiter verschlimmerte. Die großen Kundgebungen auf dem Syntagma-Platz, die Mordanschläge der faschistischen "goldenen Morgenröte" und die Bilder einer knüppelnden Polizei erinnerten mich an Costa Gavras großen Film "Z", Die soziale Veredelung nahm ihren Lauf. Während viele kranke Menschen gar nicht mehr versorgt wurden, lebten die Eliten des Landes weiterhin in abgepolsterten Sphären. Die allgemeine Frustration einer gedemütigten und geknechteten Bevölkerung griff zum letzten Strohhalm, der ihnen von der Demokratie noch blieb: die alten, verkrusteten Strukturen abzustrafen und sich neue politische Führer zu suchen. 

 

Griechenlands Geschichte nach 1945 hat einen anderen Weg eingeschlagen als andere europäische Länder, die unter der Naziherrschaft gelitten hatten. Nach einem verheerenden Bürgerkrieg, der bis 1949 tobte, teilten sich die Familien Karamanlis und Papandreou bis vor einem Jahr die Macht in der Ägäis, zunächst unter den Königen Paul und Konstantin II, dann nahm der faschistische Obristenputsch 1967 das Volk in Form einer Diktatur in Haft, die bis 1974 währte. Danach übernahmen die Nachkommen der genannten Familien bis zur Wahl von Syriza sich gegenseitig abwechselnd die Regierungsverantwortung. Im übrigen blieb Griechenland während dieser Jahre der Junta im erweiterten Bund der Nato, weil das Land geostrategisch gelegen äußerst wichtig gegen die von der UdSSR beherrschten Staaten des Ostblocks war. Die Junta wusste sehr genau, dass die Ägäis unverzichtbar im kalten Krieg war und bemerkte lakonisch: "we are your allies whether you Iike us or not". Rechte Politiker aus vielen Ländern fanden Zucht und Ordnung unter Pattakos und Papadopoulos allerdings unterstützenswert und Franz Josef Strauss lobte nach einer vermeintlichen Konsolidierung des Staatshaushaltes die Drachme als "härteste Währung der Welt" und gewährte großzügig bayrische Staatskredite. Nach 1975 erlebte Griechenland einen Reiseboom, der dem Land viele Jahre großzügige Einnahmen bescherte. Die Inseln in der Ägäis wurden wegen der dauerhaft scheinenden Sonne, der relativ preiswerten Lebenshaltungskosten und einer Atmosphäre künstlerisch geprägter Bohemiankultur für junge Menschen aus aller Welt zu einem Reise-Eldorado der Gegenkultur. Aber auch der Massentourismus sorgte dafür, dass die architektonischen Sünden, die Spaniens Küsten schon verschandelt hatten, auch auf den kargen Inseln umgeben vom blauen Meer zu ästhetischer Umweltverschmutzung führten. Da Fortschritt und Erfolg immer seinen Preis haben, scherte man sch nicht um romantisierende Schönheitsvorstellungen, schließlich wurde reichlich harte Währung in die Kassen gespült. Mykonos, Samos, Lesbos, Kreta und den anderen ca. 100 Inseln bescherte der Touristenboom Wohlstand, allerdings muss man davon ausgehen, dass das meiste Geld in die Hände weniger Reicher floss, die, wie man heute weiss, offensichtlich mit äußerster Vorsicht von den Steuerbehörden behandelt wurden.   

 

Griechischer Wein und weisse Rosen aus Athen, das waren kitschige Liebeserklärungen im Schnulzenformat, aber die scheinen im Jahre 2015 vergessen zu sein, sie sind nur noch Erinnerungen an eine Hippie und Zorbaromantik der letzten Jahrzehnte des letzten Jahrtausends. Wahrscheinlich ist die Ballade Akropolis Adieu das aktuelle Format unserer Wahrnehmung in Zeiten finanzpolitischen Chaosereignissen und der Fährmann Charon ist schon längst bestochen worden, um die Nachfahren der Argonauten und Danaiden in den Hades zu begleiten. Allerdings erleben die meisten Griechen schon jetzt einen Tartaros auf Erden, einen Schreckensort sozialen Niedergangs, der in machen Städten für mitteleuropäische Gemeinschaftsvorstellungen unglaubliche Verelendung erzeugt hat. Die Schuldfrage zu stellen ist angesichts der Not und der Veredelung großer Bevölkerungsschichten obsolet, dennoch muss man ehrlicherweise sagen, dass es in einem unglücklichem und auch betrügerischem Zusammentreffen vieler Komponenten innerhalb der nationalen wie europäischen Politik korreliert ist: Korruption, Steuerverweigerung und -flucht, Kapitalverlagerungen ins Ausland, Schummeln bei den Konvergenzkriterien beim Euroeintritt, aber auch der Zwang zum Spardiktat durch die von Brüssel eingesetzte Troika, die Mitschuld der großen Banken aus Frankreich und Deutschland bei unsauberen Kredit- und Schuldverschreibungstransaktionen und beispielsweise die Rettung griechischer Banken durch EG-Finanzspritzen, um die nationalen Banken bei eventuellen Bankenpleiten vor einem Fallout zu bewahren. All das kann sicherlich als Analyse für den Status quo gelten, hilft den betroffenen Bürgern Griechenlands wenig. Nicht nur die Eurokritiker aus den diversen politischen Vereinigungen oder Parteien wie AfD, Front National oder Lega Nord weisen zu Recht daraufhin, dass die Implantierung des Euros auf die Teilnahmestaaten 2001 zumindest aus realpolitischer Sicht der unterschiedlich zu bewertenden Volkswirtschaften mehr als fragwürdig war. Es helfen aber kein Lamento und keine Hahnenkämpfe zwischen zwei narzisstisch sich gerierenden Finanzministern und den Verantwortlichen in der Brüsseler Schaltzentrale der EU, sondern lediglich ein Aufbauprogramm für Griechenland ähnlich dem Marshallplan, das von allen Staaten der Eurozone getragen werden muss. In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass Spanien, Italien und Portugal ähnliche Probleme angehäuft haben und bei den kommenden Wahlen, beispielsweise in Spanien die Volksbewegung "podemos"  schon bereit steht, das etablierte Parteiensystem nicht nur aufzumischen, sondern auch zumindest teilweise die Macht zu übernehmen. Die Diskrepanz zwischen Nationalstaatsinteressen und gemeinsamer Währung hat mit Griechenland erst seinen Anfang genommen und wenn Europa wirklich in allen Bereichen solidarisch zusammenwachsen will, müssen noch viele alte Zöpfe abgeschnitten werden. Es ist bigott, auf der linken Syriza herumzuhacken, wenn man bedenkt, dass Europa lange Jahre die Kapriolen von einem rechts gesteuerten Bündnis unter Berlusconi ertragen hat und auch mit Österreichs Haider zurecht gekommen ist. Berlusconi hat Italien und der EU mehr geschadet als es Syriza je in Griechenland bewirken kann und der Blick geht angstvoll nach Frankreich, wo Marine Le Pen und ihre Front national bereit stehen, sogar das Staatspräsidialamt okkupieren zu können, um dann stante pede aus dem Euro-Raum auszuscheiden. 

 

Viel bedenklicher aber für das sogenannte europäische Haus und die weitere kulturelle Entwicklung in der Interaktion der einzelnen Staaten ist eine Maximalminimierung einer Kultur, deren tragende Werte für die europäische Kultur in der öffentlich geführten Debatte vergessen zu sein scheinen. Es ist ein Hohn, wenn die sich selbst  auf die Schulter klopfenden lupenreinen Demokraten aus den reicheren Ländern Europas eine demokratisch gewählte Regierung spalten, desavouieren und nach ihrem Belieben gängeln wollen. Man möchte einen bekannten Fußballtrainer zitieren, „was erlauben“, wenn Politiker des deutschen Bundestages, insbesondere der dort dominierenden CDU, aber nicht viel weniger auch aus den Reihen in der GroKo eingebundenen SPD. 

 

Gestern war Sirtaki und Souflaki, Gyros und Metaxa, das Baden im seichten Wasser einer Synergienostalgie aus einer Zeit, als wir Deutschen Hellas als das Sehnsuchtsland ansahen und das nicht erst seit den schönsten Wochen im Jahr. Vergessen scheint das kulturelle Erbe und die allererste philosophische Instanz, die in der Vergangenheit den von Wirren und Kriegen geplagten europäischen Nordländern ein wissenschaftliches Denkfundament gezimmert hat. Die gesamte europäische Kultur bis auf die skandinavischen Länder wird von der hellenischen Idee von Polis oder Ästhetik getragen, im Klassizismus suchte man wieder nach den alten Werten der Athener und deren architektonische Zeichen sprechen dorisch, jonisch und äolisch. Die griechische Mythenwelt und die Geschichte Athens und Spartas sind Grundlagen unserer humanistischen Bildung und immer wieder wurde das Land als Wiege unserer Demokratie bezeichnet, auch wenn das eine These ist, die seit der Aufklärung einen eigenen Weg eingeschlagen hat. 

Ohne Sokrates, Plato und Aristoteles kein Kant, Hegel oder Descartes, ohne Pythagoras und Euklid kein Galilei, Einstein oder Planck. Manche sagen, dass die Situation in Griechenland, so wie sie jetzt die Menschen überall in Europa bewegt, aus der Feder von Aischylos , Euripides oder Homer stammen könnte, aber diese Theaterdramaturgie sieht eher nach Brecht aus, wenn man es aus griechischer Sicht betrachtet (Herr Puntila und sein Knecht Matti), wenn man sie aus deutscher oder französischer Perspektive aufführen würde, wäre Molière (der eingebildete Kranke) der schlaue ironische Kopf, der hinter die Fassaden blicken würde. 

 

Europas große Chance für die Zukunft ist und bleibt ein vereinigtes Europa, ein Europa, welches sich dank seiner Kulturgeschichte und seiner sich immer wieder neu erfindenden Innovationskraft gegen die Blöcke im Osten wie im Westen behaupten kann. Und dieses Europa muss mit all seinen Staaten und einander verwandten Kulturen eins werden und dabei kann es nicht angehen, dass aus finanzpolitischen Strategien, die sich von der Wirklichkeit der Menschen schon lange verabschiedet haben und nur der Maxime des Profits folgen, einzelne Länder, aus welchen Gründen auch immer, ausgegrenzt werden. Europas Stärke darf nicht den Banken und Finanzspekulanten untergeordnet werden, denn Europas Stärke ist und bleibt die Vielfalt der Kulturen, die geschichtliche Erfahrung aus mehr als 2000 Jahren, die trotz vieler Unkenrufe aus den USA (das alte Europa) die gesamte westliche Erdhalbkugel wesentlich geprägt, beeinflusst und vorangebracht hat. 

Kein US-Amerikaner würde auf die Idee kommen, defizitäre Bundesstaaten ihrer großen Föderation wie beispielsweise Illinois, der mit 15 Milliarden (44,9 Prozent des aktuellen Budgets) in der Kreide steht, rauszuschmeissen. Die betroffenen US-Bundesstaaten weisen Haushaltslöcher von 125 Milliarden auf und stehen tatsächlich kurz vor der Insolvenz. Arkansas ging 1933 pleite und hat sich bis heute prächtig erholt. Und haben wir nicht selbst nach 1989 die deutsche Einheit teuer bezahlt, ohne dass irgendjemand größeren Schaden genommen hätte. Der Unterschied liegt in der Staatsform und in der Systemfrage. Die USA und die Bundesrepublik sind staatlich und rechtlich zusammengeschweisst, Europa ist bislang nur ein freies Marktwirtschaftsgebäude mit einer gemeinsamen Währung und wird nicht von den demokratisch gewählten Parlamentariern in Straßburg regiert, sondern von den Banken, die zwar nationalstaatlich aufgestellt sind, aber ohne Rücksicht auf Verluste global agieren, nur um dem shareholder Value zu dienen. Solange das so bleibt, ist Europa ein wackliges Kartenhaus und wenn Griechenland, als grexit rausfliegt, als graccident strauchelt oder als greaseout rausgeschert wird, wird die Möglichkeit größer, dass andere bald folgen könnten. Das europäische Parlament tagt weiterhin machtlos in einem Schattendasein, ohne Europa realpolitisch wirksame Befugnisse zu haben, kostet sehr viel Geld und die gewählten Volksvertreter müssen tatenlos zuschauen, wie ihr Bemühen, den Bürgern zu dienen, von Institutionen der Kapitalmaximierung unterlaufen, boykottiert und ab absurdum geführt werden. Weiterhin beweist der Streit zwischen den bürgerlich-liberalen Regierungen in Deutschland und Frankreich und Griechenland auf der anderen Seite, dass man volksnahe und fundamental soziale und demokratische Regierungen (als linksradikal diffamiert) nicht duldet, weil sie im Konzert der reicheren Länder der Eurokernzone Misstöne verursachen, die die Hegemonialdirigenten nicht wünschen und wollen. Es ist die Systemfrage, die seit der Wahl von Syriza wie ein Gespenst durch Europa geistert, die Systemfrage, ob die Demokratie, wie sie aktuell lediglich durch Wahlen legitimiert wird, die Schere zwischen arm und reich, zwischen oben und unten weiter öffnet oder ob die Mitspracherechte der Menschen in Zukunft einen größeren Stellenwert haben wird, wenn es um soziale Standards, Gerechtigkeit und Gleichheit geht. Griechenland ist die Nagelprobe, ob unser Kontinent weiterhin lediglich ein geografischer Topos bleibt oder zu einem Staatengefüge zusammenwächst, das die Lebensqualität für ca. 500 Mio. Menschen für lange Zeit sichern hilft. Diese Chance darf nicht durch durch Taktieren und Manipulationen vertan werden. 

 

Unsere Bemühungen gleichen den der Trojaner. Wir meinen, dass wir mit Entschluss und Mut den Schlag des Glückes abwehren können, und draußen stehen wir, um zu kämpfen. Aber wenn die große Krise kommt, erschüttert sie unsere Seele und lähmt sie, schwinden unser Mut uns unsere Entschlüsse. Und auf der Flucht laufen wir an allen Seiten der Wände umher und versuchen, uns zu retten. Konstantinos Petrou Kavafis 1863 -1933, griechischer Lyriker  

 

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