11/30/2015 11:33

Das Chaos der verbalen Verwerfungen

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Wenn wir um die Toten in Paris trauern, dürfen wir niemals die Toten des schrecklichen Anschlags in Beirut und die täglichen Opfer in allen Kampfgebieten Syriens vergessen, denn all diese verheerenden, unmenschlichen Taten jener, die entweder im Namen Allahs oder religiös verbrämter ideologischer Auseinandersetzungskampfhandlungen morden, gehören logisch und logistisch zusammen.

Mit Paris aktuell wurde wie New York 9/11 ein freiheitliches, lebendiges, neoliberal geprägtes und hedonistisches Symbol der westlichen Welt ins Visier genommen, um unserer hoch entwickelten Welt demonstrativ und schmerzlich zu zeigen, wie verletzlich und letztendlich marode wir sind. Die Taten der von hochspezialisierten Logistikern gelenkten Mörder, die sich von allen uns bekannten ethischen und moralischen Grundsätzen verabschiedet haben, brauchen eigentlich keine symbolischen Ziele westlicher Überlegenheit oder neoliberaler Herrschaftsarroganz ins Visier zu nehmen, sie töten wahllos und  amokartig, scheinbar planlos und doch gezielt alle, die ihnen in Quere kommen, denn wir alle sind ihre Feinde und Gegner auf dem absurden Weg in den islamistischen Gottesstaat, den sie ihren Anhängern als Möglichkeit der Weltherrschaft zu verkaufen versuchen.

War Al Quaida noch eine zerfaserte Terrorbande, die ohne feste Stützpunkte operierten, so ist der so genannte islamische Staat wahrhaftig in seiner Infrastruktur ein staatsähnliches Gebilde und führt eine wie auch immer geordnete Armee an, die in ihren Feldzügen breite und in ganz Nahost verteilte Fronten aufmachen und gegen Kurden, Peschmergas, syrische Freiheitskämpfer und die syrische Armee kämpfen. Der IS muss aus diesem Grund wie ein homogenes Staatengebilde gesehen werden und kann auch nur so bekämpft werden, weil sie sich aus ihrer Zerstörungs- und Kriegslogistik genau wie die anderen inzwischen diszipliniert formierten Kampfgruppen im Nahen Osten verhalten. Zusätzlich werden sie von einflussreichen und superreichen Kräften aus den Emiraten des Golfes und durch Saudi-Arabien unterstützt, in wie weit die Türken Unterstützung nur dulden, bewusst eingreifen oder beide Augen zudrücken, kann man nicht genau und wenig beweiskräftig beurteilen.

Nachdem sich der IS in seinen angestammten Herkunftsgebieten etabliert hat und von keiner anderen Armee dieser Gebiete ernsthaft angegriffen und auch nicht vollständig geschlagen werden kann, ist es Aufgabe derjenigen ehemaligen oder aktuellen Kriegsbeteiligten, die sich inzwischen aus dem gesamten Schlamassel weitgehend zurückgezogen haben, aber trotzdem als Verantwortliche in Haftung genommen werden müssen, sich zu einer konzertierten Aktion zusammenzuschließen, um zunächst die Versorgungsströme an Geld, Öl und Waffen zum IS zu kappen. Wenn man sie austrocknen kann, wird der Kampf gegen sie wesentlich leichter. Die darauf folgenden kriegerischen Maßnahmen können nur in gemeinsamer Verbundenheit und verzahnter Unterstützung durchgeführt werden, um dieses terroristische Geschwür endgültig zu eliminieren oder so zu schwächen, dass sie marginal werden. Aber damit wäre der Konflikt in Nahost noch lange nicht ausgestanden, denn macht- und finanzpolitische Interessen aus dem Iran, aus Russland, aus den weiterhin prosperierenden Golfstaaten und der westlichen Weltgemeinschaft werden bestehen bleiben. Denken wir nur an unsere Abhängigkeit vom Öl und  die Geschäfte der Waffenfabrikanten, an die ausufernden Bautätigkeiten in den Emiraten, an die inzwischen in diese Wüstengebiete verlagerten Weltgroßevents, die ohne unsere Mitwirkung gar nicht möglich wären. Die Verstrickung der gesamten nach Profit gierenden Welt zeigt sich in hässlichster Fratze rund um das ehemalige Zweistromland.

Was die Anschläge in Paris oder vorher in Madrid oder London betrifft, so haben wir Westeuropäer viel zu lange geduldet und geschwiegen, welch tödlich wirkende Sprengkraft sich in den Migranten-Ghettos der Banlieus von Paris, den Suburbs von London und den Vorstädten aller anderen europäischen Metropolen ausserhalb jeglicher staatlicher Kontrolle und Zuwendung gebildet haben. Die Vernachlässigung und Ausgrenzung der nordafrikanischen und arabischen Migranten in Frankreich und die rechtsextreme Verteufelung und Unterdrückung alles Fremden durch LePen und andere faschistoide Gruppierungen wie aber auch des Staates - man denke nur an Sarkozys Kärcher-Entgleisung - hat die zornigen und hoffnungslosen jungen Männer geradezu in die Armee unterschiedlicher islamistischer Gruppen getrieben und im IS sogar eine scheinbar sichere und zukunftsweisende Heimstaat finden lassen. Dass sie nur Kanonenfutter für die menschenverachtenden Ziele dieser "neoliberal aufgestellten" Terroristen (sie wollen ein Kalifat mit den gleichen Strukturen von Macht und Geld, wie wir es schon lange haben) sind, begreifen sie erst dann, wenn überhaupt, wenn ihnen der Sprengstoffgürtel umgeschnallt werden oder sie Unschuldige enthaupten oder im Schariawahn verstümmeln müssen.  

Frankreich muss diese Probleme jetzt so zügig wie möglich lösen, aber eigentlich reicht  dafür die Zeit nicht aus, denn Marine LePen wird schon im Dezember bei den Regionalwahlen wahrscheinlich die stärkste Partei stellen, und dann sind diese nationalistischen Grande-Nation-Nostalgiker regional zwar in der Verantwortung, können aber weiterhin den alles verschlingenden Mahlstrom der Xenophobie und der Diskrepanzen zwischen den "indigenen" Franzosen und den aus dem Migrantenmilieu stammenden Bürgern des Landes mit ihren wirren Programmen ins Bodenlose treiben. Michel Houellebecq hat fast visionär Szenarien in seinem Buch "Unterwerfung" beschrieben, die wir jetzt deutlich sehen und erst recht zu spüren bekommen.  

Wenn aber deutsche Politiker die Flüchtlingszuwanderung aus Nahost mit den terroristischen Anschlägen in Paris zu vermengen versuchen und unsere so genannte Sicherheit durch stringente Maßnahmen wie Grenzschließungen und Überwachungs- und Gängelungsmethoden forcieren wollen, handeln sie bewusst antieuropäisch, staatsfeindlich und menschenverachtend. Keine einzige geschlossene Grenze oder irgendwelche nachrichtendienstliche Gesetzesvorhaben konnten die europäische und internationale Kriminalität stoppen, ihre kriminellen und ebenso destruktiven Machenschaften weiterhin ohne nennenswerte Einschränkungen gleich einem wuchernden Krebs über unseren Kontinent auszubreiten und das wird auch in Zukunft so weitergehen. Das betrifft genauso die immensen Geldschiebereien von Undemokraten, steuerlich begünstigte Staatszerstörer aus den Reihen jener 5 Prozent Besitzenden unseres Landes in die Steuerparadiese Euroas oder auf irgendwelche dubiosen Inselstaaten in der Karibik. Man lese Roberto Saviano.

Der bayrische Ministerpräsident wagt einen Tag nach den schrecklichen Morden in Paris in einem mehrfach im TV ausgestrahlten Interview tatsächlich und mit einer geradezu unverschämten Chuzpe die Vertreibung der Syrer und anderer entwurzelter Menschen aus den Krisengebieten Irak, Syrien und Afghanistan mit den Anschlägen in Paris in Verbindung zu bringen, wohl wissend, dass hasserfüllte Jugendliche aus Dinslaken, Wolfsburg oder Freital morgen hier ähnliche Taten begehen könnten. Die Menschen, die jetzt über die europäischen Grenzen strömen, fliehen vor dem Terror, den Paris jetzt erlebt hat. Diese Fliehenden ohne Hab und Gut, die die größten Gefahren auf sich genommen haben, um dem Chaos zu entrinnen, sind keine Exporteure derselben Terrorattacken, wie sie die Nacht vom 13. zum 14. November gezeigt haben. Verwerfungen kann es immer geben, aber diese Menschen inhaltlich mit dem Phänomen terroristischer Akte wie jetzt in Paris kurzzuschließen, ist populistische und unverantwortliche Brandstiftung, die nicht weit vom rechten Sumpf der Pegidatrampler angesiedelt ist. 

Nur eine allgemeine Solidarität der Citoyens aller Länder, Menschen mit demokratischer Verantwortung und moralischer Überzeugung, die sich der Ethik des Lebens und des Zusammenlebens aller Menschen verschrieben haben, kann möglicherweise noch größere Schrecken verhindern. Und vergessen wir nie, dass die Schere zwischen arm und reich weiter auseinanderklafft und das Problem "Besitzende und Besitzlose" überall auf der Welt die eigentliche Ursache für Krieg, Hunger, Armut und Bildungsferne sind.

Solange die negativ konditionierten Grundprobleme unserer globalisierten Welt weder ernsthaft behoben werden oder zumindest angegangen werden, solange werden sich die verheerenden Dramen von Paris wie NY, London oder Madrid woanders wiederholen. Die Gier des Neoliberalismus ist nur ein Übel aller negativer Begleiterscheinungen einer sich selbst zerstörenden Welt, aber angesichts der weltweiten Ökokatastrophe oder der unzähligen wirtschaftlich bedingten Kriegsszenarien mit all dem daraus folgernden Elend kann sich keiner sicher fühlen oder meinen, aus Gründen von Macht, Besitz und Ausbeutung, irgendwie entkommen zu können. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind keine hohl gewordenen oder überflüssigen Begriffe einer sich selbst feiernden Konsumgesellschaft, sondern mehr denn je unter der Egide der internationalen Solidarität wichtige Voraussetzungen und Bedingungen, um unsere Welt für die Zukunft nachhaltig zu retten. 

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